Überfall Russlands auf die Ukraine: Erst wurde die Sprache diskriminiert, dann kamen die Panzer
- Robert Sedlaczek

- 25. Feb.
- 2 Min. Lesezeit
"Meine Muttersprache, das Ukrainische, wurde jahrhundertelang im Zuge des russischen linguistischen Kolonialismus unterdrückt und diskriminiert", schreibt die in Wien lebende ukrainische Wissenschafterin Oksana Havryliv in einem Gastbeitrag in der Tageszeitung "Die Presse". Anlass war der von der UNESCO ausgerufene Internationale Tag der Muttersprache.

Havryliv schildert eindrucksvoll an Hand von persönlichen Erlebnissen, wie Russland die ukrainische Sprache als minderwertigen Dialekt einstufte und dadurch abwertete.
"Die diskriminierenden Mechanismen waren oft subtil und gerade deshalb noch heimtückischer", schreibt Havryliv. Die systematische Abwertung ihrer Muttersprache habe dazu geführt, dass Eltern ihre Kinder anhielten, russisch zu sprechen, um bessere Berufschancen zu haben.
"So meinte eine meiner Mitschülerinnen in Lwiw (Lemberg), sie würde 'Die drei Musketiere' von Alexander Dumas lieber auf Russisch lesen, denn in der ukrainischen Übersetzung klinge es komisch, wenn Adelige ukrainisch sprechen."
Sprachliche Diskriminierung müsse nicht zwangsläufig in Gesetzesverboten bestehen; sie könne auch strukturell oder kulturell erfolgen. Physische Gewalt beginne mit der Gewalt an der Sprache. "Zuerst kommt das Wort, dann kommen die Panzer", zitiert die Wissenschafterin ihren Mann, den ukrainischen Schriftsteller Tymofiy Havryliv.
Oksana Havryliv hat sich mit zahlreichen wissenschaftlichen Beiträgen und Publikationen einen Namen gemacht. Im Peter Lang-Verlag erschien ihr Buch "Pejorative Lexik", anschließend publizierte sie ihre Forschungsergebnisse in einem populärwissenschaftlichen Buch mit dem Titel "Nur ein Depp würde dieses Buch nicht kaufen", es enthält laut Untertitel "wirklich alles über das Schimpfen, Beschimpfen, Fluchen und Verwünschen." Es ist 2023 im Verlag Komplett Media erschienen.
Das Buch wurde im Kabarett Simpl zusammen mit meinem "Großen Wörterbuch des Wienerischen" in einem Wissenschaftstalk vorgestellt, der von Radio Wien in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftsfonds FWF aufgezeichnet und ausgestrahlt wurde. Auf Youtube gibt es nicht nur diesen einstündigen Podcast zum Nachhören, sondern auch Kurzbeiträge der Autorin zum Thema Schimpfen, die sich großer Beliebtheit erfreuen.



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