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Altweibersommer: So irrt sich die Künstliche Intelligenz

  • Autorenbild: Robert Sedlaczek
    Robert Sedlaczek
  • 27. Aug. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Neulich kam ich auf die Idee, eine Suchmaschine, die mit Künstlicher Intelligenz ausgestattet ist, zu befragen: Was ist der Altweibersommer? Woher kommt der Ausdruck?


Bemerkenswert ist die Geschwindigkeit, mit der ich eine doch recht umfangreiche Antwort bekomme. Es dauert nur wenige Sekunden. Nach einer konzisen Zusammenfassung geht die KI ins Detail.


Der Altweibersommer ist ein meteorologisches Phänomen, bei dem es sich um eine überdurchschnittlich wahrscheinliche Wetterlage handelt. Eine stabile Hochdrucklage sorgt für mehrere aufeinanderfolgende, sonnige und warme Tage, mit Temperaturen über 20 Grad Celsius, die das Ende des Sommers einläuten.


Ich bin kein Meteorologe, aber so wird es wohl sein. Die Formulierung "überdurchschnittlich wahrscheinliche Wetterlage" gefällt mir. Dann folgt ein Kapitel "Namensherkunft und Ursprung". Es trägt die Überschrift "altdeutsch weiben".


Das Wort weiben bedeutet "weben". Die Namensgeber bezogen sich auf die Fäden, die Spinnen besonders im Herbst spinnen. Die vielen Spinnweben der Jungspinnen werden durch warme Luft emporgetragen ("Ballooning") und sind im Gegenlicht und am Morgen im Tau besonders gut sichtbar. Die Fäden erinnern an die Haare von „alten Weibern“ und werden mythologisch mit den Lebensfäden in Verbindung gebracht, die von Schicksalsgöttinnen gesponnen werden. 


"Altdeutsch" ist aus heutiger Sicht ein historischer Möbelstil. Früher einmal summierte man unter „altdeutsch“ auch allerlei Sprachstufen: vor allem Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und Mittelniederdeutsch. Die KI verwendet also eine unspezifische, wenig brauchbare und überholte Terminologie.


Ich schlage im Grimm’schen Wörterbuch nach, es ist im Internet abrufbar. Die Buchstaben A bis F wurden vor kurzem von einem kompetenten Wissenschaftsteam überabeitet. Mit anderen Worten: Kluge Köpfe haben sich mit der Frage herumgeschlagen, woher das Wort stammt. Und so liest man im neuen Grimm:


Der etymologische Hintergrund ist unklar.


1) kurze spätsommerliche Zeit, Nachsommer, milde Herbsttage; daneben stehen Bezeichnungen wie schweizerissch Witwensömmerli, bairisch Änlsummer, so dass vom Vergleich mit einem späten, kurzen Aufblühen im Gefühlsleben einer bereits älteren Frau ausgegangen werden kann?


2) von jungen Spinnen stammende, an warmen sonnigen Herbst-, auch Frühlingstagen durch die Luft fliegende Fäden, zunächst (fliegender) Sommer genannt; möglicherweise handelt es sich bei diesem Wort Sommer nicht um die Jahreszeit, sondern um ein anderes, etymologisch ungeklärtes Wort; die Benennung als Altweibersommer resultiert vielleicht aus dem zeitlichen Auftreten der Fäden.


Kein Wort, dass der Bestandteil weiber etwas mit dem Zeitwort weben zu tun hat. Das ginge sich auch lautgeschichtlich nicht aus. Die Vorformen von weben haben kein ei. Und dass es vergleichbare Ausdrücke mit Familienbezeichnungen in verschiedenen Regionen des deutschen Sprachraums gibt, deutet darauf hin, dass es um ältere Menschen geht, die noch einmal aufblühen, so wie der zu Ende gehende Sommer.


Dass die Fäden der Spinnen an die grauen Haare von alten Weibern erinnern, ist weit hergeholt. Außerdem konnten keinerlei Belege gefunden werden, dass sich das Wort Altweibersommer direkt von weben ableiten ließe. Der einzige Zusammenhang zwischen dem Altweibersommer und den herbstlichen Spinnweben ist die Gleichzeitigkeit.


Die Künstliche Intelligenz stöbert also in diversen Zeitungen und Magazinen herum, in denen eine gut klingende Volksetymologie wiedergegeben wird. Auf die Wissenschaft und auf die intelligenten Quellen, wie den überarbeiteten Grimm, legt die KI keinen Wert. Und das ist doch ein schönes Beispiel für die Problematik der Künstlichen Intelligenz.


 
 
 

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