An den ä-Lauten sollt ihr sie erkennen! Gedanken zu Thomas Bernhards "Auslöschung" am Burgtheater
- Robert Sedlaczek

- 17. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 24. Dez. 2025
Es ist eine der Eigenheiten des Österreichischen: Wir sprechen das geschriebene ä anders aus als die Menschen im Norden des deutschen Sprachraums.
Das Österreichische Wörterbuch erklärt es an Hand einiger Beispiele: Wir sprechen den e-Kurzvokal in "Lärche" und "Lerche" gleich aus. Egal ob es der Nadelbaum oder der Singvogel ist. Aus dem Kontext ist immer erkennbar, was gemeint ist.
Wenn es um einen langen e-Vokal geht, wird "die Beeren" wie "die Bären" ausgesprochen, "Ähre" wie "Ehre", "Säle" wie "Seele".
Nur im gehobenen Stil oder ausnahmsweise zur Wortunterscheidung wird ein langes offenes e gesprochen, zum Beispiel "ich gäbe" gegenüber "ich gebe" - so postuliert es das Österreichische Wörterbuch.
Leider hat es sich eingebürgert, in der gehobenen Sprache norddeutsch zu artikulieren, sogar in den Hörfunkprogrammen des ORF und ganz besonders im Burgtheater, der nationalen Vorzeigebühne Österreichs.
Neulich sah ich dort Thomas Bernhards Stück Auslöschung. Ein Zerfall. Ein großartiger Monolog des größten österreichischen Schriftstellers der jüngeren Vergangenheit. Zugegeben: Einen 751 Seiten langen Prosatext zu kürzen und zu dramatisieren, ist eine schwierige Aufgabe.
Aber warum wurde der monologisierende Text auf acht Schauspieler aufgeteilt? Es war ein merkwürdiges Spiel mit verteilten Rollen - womit die Wirkung des Textes stark beeinträchtigt wurde.
Hinzu kam, dass Bernhards großartiger Text über die dumpfen Gesinnungen auf dem Lande vielfach nach norddeutschem Muster artikuliert wurde: Da wurde aus "Eltern" das für uns ungewohnte "Ältern" - wiewohl etymologisch vertretbar, im Burgtheater empfand ich es als Provokation.
Wenn man dann auch noch "es zählt, es zählt, es zählt" hört, mit dem norddeutschen offenen e-Laut, stellt es einem die Zehennägel auf. Ich kann noch einige andere Artikulationsmerkmale nach norddeutschem Muster aufzählen, die in einem Bernhard-Stück im Wiener Burgtheater nichts verloren haben, zum Beispiel das Verschlucken der e-Vokale in den Endungen von Infinitiven: "Wir kommn" statt "wir kommen" und "alle zusammn" statt "alle zusammen".
Na klar, die meisten Schauspieler, die mit verteilten Rollen den Text vortrugen, waren Deutsche. Wie wäre es, wenn sie im österreichischen Nationaltheater ihre sprachliche Herkunft beiseite schieben und sich an einem großartigen Schauspieler wie Gert Voss orientieren? Auch er war ein Deutscher, aber kein sprachlicher Deutschtümler.
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Lesetipp und persönliche Hinweise: Thomas Bernhard: Auslöschung. Ein Zerfall. Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main, ist 2024 in 18. Auflage erschienen. Bernhard schloss das Buch weitestgehend bis 1982 ab, ließ das Manuskript aber erst 1986 in Druck geben. Das Buch ist der innere Monolog des Ich-Erzählers Franz-Josef Murau, der seine Gedanken anlässlich des Unfalltodes seiner Eltern und seines Bruders schildert. Im Mittelpunkt stehen dabei die Erinnerungen an seine Jugend auf dem Familiensitz Schloss Wolfsegg in Oberösterreich. Im Unterschied zu Heldenplatz, 1988 uraufgeführt, erweist sich Thomas Bernhard hier noch nicht als der grelle "Übertreibungskünstler". Trotz einiger Hasstiraden Muraus hat man immer das Gefühl: Was er monologisierend erzählt, könnte sich so abgespielt haben. Siehe auch die ausgezeichnete Beschreibung des Romans Auslöschung auf Wikipedia.

Ich hab die Vorführung auch gesehen und ebenso wahrgenommen. Nachdem ich aber ein paar Wochen vorher schon Schnitzlers "Weite Land" im Akademietheater mit nur einer österreichischen Standardstimme (von ca. 10 gesehen) habe, waren die Erwartungen diesbezüglich entsprechend gemindert. Beide Inszenierungen aber, trotzdem, noch immer sehr gut! Man stelle sich vor. man heuerte wieder vermehrt heimische Stimmen an: dann wäre es sogar ein Genuß!