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"Die Österreicher unterscheiden sich von den Deutschen durch die gemeinsame Sprache"

Jetzt ist es schon wieder passiert: In einem Vorbericht zum Fußballspiel Österreich gegen Deutschland lese ich in der Krone: "Nichts trennt Österreich und die Deutschen mehr als die gemeinsame Sprache." Sie sagen nämlich zum Ball nicht Fetzenlaberl oder Wuchtl, sondern Pille, und was für uns ein Gurkerl ist, nennen sie einen Beinschuss.


Die dort genannten Beispiele stimmen, aber inzwischen sollte es sich herumgesprochen haben, dass Karl Kraus diesen Satz weder gesagt noch geschrieben hat. Er passt auch nicht zu den sprachpolitischen Vorstellungen des großen Satirikers und auch nicht zu seiner Zeit. Die sprachliche Selbstbehauptung Österreichs ist nicht ein Phänomen der Zwischenkriegszeit oder älter, sondern ein Phänomen der Zweiten Republik. Das Konzept der gleichwertigen Varietäten innerhalb des deutschen Sprachraums ist nicht rund hundert Jahre, sondern nur einige Jahrzehnte alt, Stichwort: österreichisches Deutsch.


Karl Kraus hat einige Male die Sprachregler Deutschlands heftigst kritisiert, zum Beispiel Gustav Wustmann, der 1892 das Buch "Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Hässlichen" herausbrachte, in dem er vor allem Fehler in der deutschen Zeitungssprache anprangerte, wobei ihm selbst Fehler unterlaufen sind. Das Buch war ein Bestseller, erschien in zahlreichen Auflagen, Karl Kraus zerpflückte genüsslich jene Sprachdummheiten, die auf das Konto des in Dresden geborenen und in Leipzig als Stadtarchivar tätigen Rechthabers gingen. Aber Kraus wäre nie auf die Idee gekommen, eine Grenzziehung zwischen österreichischem Deutsch und, wie können wir es heute nennen, deutschländischem Deutsch vorzunehmen.


Im Zuge meiner Arbeit am "Großen Wörterbuch des Wienerischen", das eben erschienen ist, bin ich der Frage nachgegangen, welche Einstellung Karl Kraus zum Wiener Dialekt und zur österreichischen Umgangssprache hatte. Die folgenden Zitate sind Stichwörter in meinem Wörterbuch, es ist nur eine kleine Auswahl, die Namen in Klammern (zum Beispiel Jakob, Schranka) sind Wörterbuchautoren:


außi möcht i! 1. Ausruf, mit dem ein Schüler dem Lehrer kundtut, dass er aufs Klo muss 2. (vor allem bei Karl Kraus) Formel, mit der eine ablehnende Haltung gegenüber jemandem oder etwas zum Ausdruck gebracht wird: "Wo ist so luftig, so leicht noch das Blut? / Wo ist so süffig der Wein und so gut; / Wo blüht im Frühling der Flieder, / Wo singt man Lieder schön wie im goldigen Wien! Außi möcht i." (Die Fackel, 1926, Heft 726, Seite 32).


dada, dader (Adv.) [verdoppeltes da, um zu verstärken; zur Schreibung dåder siehe außer/außa;]: (betontes) da; an dieser Stelle da, an diesem Ort da: "Ein Blatt hat (…) eine Rundfrage nach dem schönsten Wiener Lied gestellt, und eine Sängerin hat geantwortet, am liebsten sei ihr das Lied: 'Du guater Himmelvoder / i brauch kei Paradies / i bleib viel lieber doder / weil mei Wien für mi 's Himmelreich is.' Richtig, das ist's! Ich habe lange doder gelebt, aber die Formel für Grässlichkeit des Doderseins nicht gefunden. Das ist's also. Und ich frage mich ernsthaft, ob man in einer Stadt leben kann, in der sich 'Vater' auf 'da' reimt." (Die Fackel, 1908, Heft 251, Seite 25).


Gspaßlaberln, Spaßlaberln, die (Pl.) [Laberl = Vkl. von Laib = rund geformte Masse; Schranka 1905 sieht in dem Wort einen "köstlichen Ausdruck für den Busen"; Jakob 1929: "man hat Gspaß damit"] (Wiener 1969) (scherzh.): weibliche Brüste: "Es ist ein vernichtendes Wort, eines, das unbedingt in Lebenshass und Askese treibt. Es drückt die Beziehung des Hausmeisters zum Eros aus (…)" (Die Fackel, 1911, Heft 331, Seite 34)


ịs [3. Pers., Sg., Präs. von sein]: ist: Die Fackel, 1908, Heft 251-252, Seite 35: "Um Verwechslungen vorzubeugen, unterscheidet der Wiener: 'ißt' und 'is'."


Kruspelspitz, der [aufgrund der spez. Teilung des Rindes besteht der Kruspelspitz aus dreierlei Fleisch, das von einer Kruspel durchzogen ist; 2. Bestandteil: wegen der spitz zulaufenden Form]: 1. Rindfleisch von der Hüfte (Teil der Schulter) 2. Speise aus gesottenem Fleisch vom Kruspelspitz: "Man wird von einem schönen Kruspelspitz immer sagen können, dass er ein Gedicht sei, aber von dem besten Gedicht nicht, dass es ein Kruspelspitz ist." (Die Fackel, 1907, Heft 232, Seite 17)


mir san ja eh die reinen Lamperln: wir sind über jeden Verdacht erhaben, wir sind garantiert friedfertig: "Was Schiedsgericht und Völkerbund! / Sie Kellner, bringen S’ ein paar Stamperln! So etwas brauchen wir nicht und / mir san ja eh die reinen Lamperln!" (Die Fackel, 1918, Heft 499, Seite 13)


da kann ma halt nix machen: man muss sich zwangsläufig dem Schicksal fügen (auch der Titel eines Wienerliedes): "Was wir immer projektieren, so lautet ’s Programm: / Da kann man nix machen und die G’schicht geht net z’samm." (Die Fackel, 1922, Heft 608, Seite 49)


Mehlspeise, die (Ebner 2019): Süßspeise jeder Art, warm oder kalt (auch: Kolatschen, Beugerln etc.): "Ich glaube nicht, dass der Wiener ein Kenner von Lyrik ist, wenn er behauptet, eine Mehlspeise sei ein Gedicht, das auf der Zunge zergeht." (Die Fackel, 1913, Heft 376, Seite 24)


Pupperlhutschen, die; ( Jakob 1929): 1. Beifahrersitz auf dem Motorrad oder Motorroller: "Und nun bedenke man, dass der Nebensitz offiziell – in fachlichen Beschreibungen – 'Pupperlsitz' genannt wird und in jenem Volksmund, der nach dem Humor des 'Götz' gewachsen ist, 'Pupperlhutschen'. Man stelle sich das Seelenleben der Frau vor, die, sich munter nach dem Spalier der Betrachter umguckend, darauf Platz nimmt, in dem Bewusstsein, dass sie von allen als das zugehörige Pupperl agnosziert wird, welches demgemäß auf der Pupperlhutschen mittut." (Die Fackel, 1927, Heft 751, Seite 117) – "Eine ordinär humorige Verachtung der Frau als eines Zubehörs liegt in der Wortbildung, in der das gebrauchsfertige 'Pupperl' – an und für sich magenumdrehend – noch dem Zweck des 'Hutschens' unterworfen wird." (Die Fackel, 1932, Heft 876, Seite 45) 2. zweisitziges Moped.


Karl Kraus verwendet also das Wienerische beziehungsweise die österreichische Umgangssprache als Symbol für provinzielles Denken und Verhalten, als Leitsatz für eine österreichische Selbstverharmlosung und für ähnliche negative Erscheinungen.


Und woher stammt das Zitat "Der Österreicher unterscheidet sich vom Deutschen …" wirklich? Es ist eine Lehnübersetzung aus dem Englischen, von Karl Farkas popularisiert. Details hier:



Als Ingeborg Bachmann und Alexander Lernet-Holenia als eine der Ersten, und einige andere später, den Gedanken aufgriffen, passte er zum Zeitgeist.


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