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Rechtschreibrat gibt weiterhin kein grünes Licht für Genderstern und Doppelpunkt

Aktualisiert: 18. Juli 2023

Mit großer Spannung war das Ergebnis der Sitzung des Rates für deutsche Rechtschreibung erwartet worden. Nach dem Treffen im belgischen Eupen teilten die Mitglieder am Freitag mit, dass die Wortbinnenzeichen wie Genderstern, Doppelpunkt etc. "nicht zum Kernbereich der deutschen Orthografie gehören", doch würden sie die Entwicklung weiterhin beobachten.


Wie aus einer Presseerklärung des Rates hervorgeht, beschlossen die Experten, in das amtliche Regelwerk der Rechtschreibung einen Ergänzungspassus aufzunehmen. In diesem heißt es: "Zunehmend werden bei Personenbezeichnungen orthografische Zeichen wie der Doppelpunkt (:) – allerdings ohne ein folgendes Leerzeichen (Bürger:innen) – oder Sonderzeichen wie Asterisk (*), Unterstrich (_) oder andere Zeichen im Wortinneren verwendet. Diese Wortbinnenzeichen gehören nicht zum Kernbestand der deutschen Orthografie. Sie sollen eine über die formalsprachliche Funktion hinausgehende metasprachliche Bedeutung zur Kennzeichnung aller Geschlechtsidentitäten – männlich, weiblich, divers – vermitteln: die Schüler:innen, die Kolleg*innen. Sie gehen damit über Verkürzungsformen wie Bürger/-innen, die vom Amtlichen Regelwerk bereits erfasst werden, hinaus."


Die Besonderheit der Wortbinnenzeichen zur Kennzeichnung einer geschlechterübergreifenden Bedeutung liege darin, "dass sie auf die orthografisch korrekte Schreibung von Wörtern unmittelbar einwirken. Diese Eigenschaft teilen sie mit einigen Satz- bzw. Wortzeichen (wortinterne Klammern, Apostroph, Bindestrich, Anführungszeichen), deren wortinterne Verwendung im Amtlichen Regelwerk beschrie­ben wird. Bei den Sonderzeichen mit Geschlechterbezug soll jedoch eine metasprachliche Bedeutung transportiert werden. Ihre Setzung kann in verschiedenen Fällen zu grammatischen Folgeproblemen führen, die noch nicht geklärt sind, z. B. in syntaktischen Zusammenhängen zur Mehrfachnennung von Artikeln oder Pronomen (der*die Präsident*in). Die Entwicklung des Gesamtbereichs ist noch nicht abgeschlossen und wird vom Rat für deutsche Rechtschreibung weiter beobachtet werden."


Der Rat aus sieben deutschsprachigen Ländern und Regionen ist seit 2004 das für die Rechtschreibung maßgebliche Gremium. Seine Aufgabe ist es die einheitliche Rechtschreibung im deutschen Sprachraum zu bewahren und mit Blick auf den Sprachwandel weiterzuentwickeln. Zuletzt hatte der Rat 2021 empfohlen, Sternchen, Unterstrich, Doppelpunkt oder andere Formen der Kennzeichnung von mehrgeschlechtlichen Bezeichnungen im Wortinneren nicht in das amtliche Regelwerk aufzunehmen, weil dies das Erlernen der geschriebenen deutschen Sprache erschweren würde. Die nunmehrige Entscheidung bedeutet, dass sich Gegner dieser Wortbinnenzeichen weiterhin darauf berufen können, dass diese nicht Teil des amtlichen Regelwerks sind.


Die Entscheidung des Rechtschreibrates hat Auswirkungen auf die anstehenden Vorgangsweise der Landesregierung in Niederösterreich. Dort ist laut Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner geplant, nur noch Doppelformen (die Lehrerinnen und die Lehrer) sowie neutrale Formen (die Lehrkräfte) im amtlichen Schriftverkehr zuzulassen, wobei die FP dies auf dem Erlasswege bindend festlegen möchte. Da der Rechtschreibrat bei seiner bisherigen Meinung geblieben ist und Gendersterne nicht als Teil des amtlichen Regelwerks vorsieht, kann sich die Landesregierung weiterhin in ihrer Vorgangsweise auf dieses Gremium berufen.


An einigen Universitätsinstituten wird auf Studenten Druck ausgeübt, in ihren schriftlichen Arbeiten zu gendern, weil sie sonst mit einer schlechteren Benotung rechnen müssten. Derzeit ist gerade ein Fall gegen das Translationszentrum der Universität Wien anhängig.


Was die gesprochene Sprache anlangt, hat der ORF am 12. Juni in einer Richtlinie festgelegt, dass auf den Glottisschlag verzichtet werden solle; dies ist grob gesprochen eine kurze Pause vor der weiblichen Endung. Empfohlen wurde von einer eigens eingerichteten Arbeitsgruppe das Nennen der weiblichen und männlichen Form oder das Abwechseln dieser. Es gilt abzuwarten, ob es nach der Entscheidung des Rechtschreibrates weitere Festlegungen von Seiten des ORF in Sachen Gendern geben wird.





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