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Sind Polarisierte zwangsläufig intolerant? Und Yips - was ist das wieder?

Aktualisiert: 10. Okt. 2023


Die Diskussion hat sich in den letzten Tagen vor allem in der Schweiz abgespielt. "Links, urban, gebildet – und intolerant" titelte die "Sonntags-Zeitung". Eine große Studie würde zeigen, dass jene, die sich für besonders offen halten, andere politische Meinungen am wenigsten akzeptieren.


In der "Neuen Zürcher Zeitung" konnte man in einem Kommentar lesen: "Wer Kühe nicht verbieten will, ist ein Klimaleugner. Wer den Genderstern verschmäht, ist reaktionär – die städtische Linke hat ein Toleranzproblem." Und weiter: "Linke Stadtbewohner blicken unbarmherzig auf ihre politischen Gegner." Das zeige "eine vielbeachtete Studie."


Die Universität Dresden hat 20.000 Personen in zehn Ländern befragt. Es ging um die Themen: Zuwanderung, Krieg in der Ukraine, Klimawandel, Pandemien wie Covid-19, Sozialleistungen und ihre Finanzierung, Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft, Umgang mit sexuellen Minderheiten.


Die Ergebnisse kurz zusammengefasst


o Ältere Personen und solche mit hohem Bildungsgrad sind stärker polarisiert.


o Bewohner von Großstädten sind stärker polarisiert als Personen aus ländlichen Regionen.


o Linke sind stärker polarisiert als Rechte.


o Die Wählerschaft linker und grüner Parteien ist am stärksten polarisiert.


Dies kann auch nachgelesen werden – die Studie ist im Internet abrufbar:



Für die falschen Darstellungen in den Zeitungen können die Forscher nichts. So wurde beispielsweise die Einstellung zum Gendern gar nicht abgefragt. Hinzu kommt, dass es in der Studie um "affektive Polarisierung" ging, nicht um "Intoleranz".


Der Schweizer Politologe Claude Longchamp rückte zurecht: "In der gesamten Studie kommt das Wort Intoleranz kein einziges Mal vor. Wer affektiv polarisiert ist, versteht die Meinung ganzer Gruppen nicht, aber er duldet sie. Das ist der zentrale Unterschied zur Intoleranz. Eine intolerante Person will andere Meinungen verbieten und deren Verfechter aus dem gesellschaftlichen Leben verbannen." Im Interview mit der Tageszeitung "Blick" brachte er ein Beispiel: "Die Grünen sind beim Thema Klimawandel am stärksten affektiv polarisiert. Sie verstehen nicht, weshalb es Leute oder Gruppen gibt, die den Klimawandel leugnen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie intolerant sind."


Zwar seien in der europäischen Gesamtstatistik die Linken stärker affektiv polarisiert als die Rechten, aber in einzelnen Ländern ist es umgekehrt: "So zum Beispiel in Deutschland. Dort sind die Rechten – vor allem die Anhänger der AfD – viel affektiver polarisiert als die Linken. Die Aussage, nur die Linken seien polarisiert, lässt sich nicht verallgemeinern. Je nach Land und Thema fallen die Ergebnisse unterschiedlich aus. In Ländern, in denen heftig über Migration gestritten wird, sind die Rechten stärker affektiv polarisiert als die Linken. Bei Debatten über Gleichstellung und die Rechte sexueller Minderheiten sind die Linken stärker polarisiert als die Rechten.


Die Diskussion über die Studie wurde in der Schweiz mit großer Vehemenz geführt, obwohl die Schweiz gar nicht zu den zehn Ländern gehörte, in denen die Erhebungen durchgeführt wurden. Österreich war auch nicht dabei.


"Yips ist ein Marketing-Begriff – ein neues Feindbild"


Die Ergebnisse der Studie wurden auch mit dem neuerdings grassierenden Begriff Yips etikettiert, das sind Menschen, die im angloamerikanischen Raum als young, illiberal progressives eingestuft werden. Daraus zimmerte die "Sonntags-Zeitung" mit Berufung auf die Studie den Titel "Links, urban, gebildet – und intolerant" und meinte vor allem die Jungen.


"Die Studie besagt das Gegenteil. Demnach sind die über 55-Jährigen am stärksten affektiv polarisiert", resümiert Claude Longchamp. "Yips ist ein Marketing-Begriff, ein neues Feindbild – mit dem man einfach die nächste Gruppe angreift. Damit kann ich nichts anfangen."


Dass eine starke Polarisierung in einer Gesellschaft nichts Gutes ist, wird auch in der Studie konzediert, allerdings ist laut Claude Longchamp der Befund für Europa nicht dramatisch. "In Amerika ist die Polarisierung enorm, in Europa dagegen vergleichsweise tief: Maximal 17 Prozent der Bevölkerung sind stark affektiv polarisiert. In Europa stellen Links- und Rechtsextreme etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Das sind Menschen, die physische Gewalt befürworten. Zu affektiver Polarisierung gehört höchstens verbale Gewalt. Daher sind 17 Prozent erwartbar."


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