Warum die Aussprache von Thalia für Gesprächsstoff sorgt
- Robert Sedlaczek

- 6. Mai
- 2 Min. Lesezeit
Thalia ist eine der neun Musen in der griechischen Mythologie. Der Name bedeutet so viel wie "blühendes Glück, fröhliches Gelage". Sie ist die Muse der komischen Dichtung und der Unterhaltung, auch die Beschützerin der Theaterspielstätten. In Hamburg ist ein Theater nach ihr benannt.

Als Kind hörte ich den Namen zigmal: Meine böhmische Großmutter mütterlicherseits wohnte in Ottakring in der Thaliastraße. Ich wurde dorthin von meinen Eltern hin und wieder abgeschoben, aber ich erinnere mich auch an viele schöne Familienfeste. Thalia war in meiner Familie immer erstbetont.
Die heutige Werbung der Buchhandelskette mit Betonung auf der zweiten Silbe geht mir gegen den Strich.
Ich frage Stefan Michael Newerkla, Universitätsprofessor für Westslawische Linguisitk an der Universität Wien, Leiter des Slawistik-Instituts und wirkliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften, warum das so ist. Er meint, die Aussprache könne "generationsabhängig" sein - mit anderen Worten: Wäre ich als Kind nicht so oft bei meiner Großmutter in Ottakring gewesen, würde ich den Straßennamen wahrscheinlich anders aussprechen. Umgekehrt würden jene Menschen, die mit der Thalia-Werbung im Rundfunk aufgewachsen sind, meine Aussprache als antiquiert wahrnehmen.
Was ist richtig, was ist falsch? So darf man die Frage nicht stellen. Etymologisch sei die Zweitbetonung jene, die auf die altgriechische Aussprache zurückgeht. Im Wienerischen komme es jedoch, vor allem bei Orts- oder Straßennamen, zu einer Anpassung an Betonungsmuster, die ortsüblich sind, sodass eine frühere Erstbetonung durchaus nicht verwunderlich sei.
Der Slawist Newerkla ist mit der konsequenten Erstbetonung im Tschechischen bestens vertraut, für ihn klingt sie vollkommen natürlich. "So etwa auch beim Prager Hotel Thalia in unmittelbarer Nähe der Tschechischen Akademie der Wissenschaften." Der Hotelname wird in Prag erstbetont ausgesprochen.
Die erste Thalia-Buchhandlung wurde 1919 im Haus des Hamburger Thalia-Theaters eröffnet, daher der Name - und daher die Aussprache nach altgriechischem Muster. Die Muse ist quasi die Schirmherrin.
Die mediale Präsenz der Buchhandelskette - Thalia hat inzwischen mehr als fünfzig Filialen in Österreich und ist marktbeherrschend - hat zu einer etymologischen Rückbesinnung geführt. Die Kette trägt dazu bei, dass die nach der Muse benannte Straße heute nicht mehr so ausgesprochen wird, wie es im Wienerischen zu erwarten wäre, sondern nach altgriechischem Muster.
Die Straße ist übrigens seit 1883 nach dem damaligen Thalia-Theater benannt, das später abgerissen wurde.

Das Theater bestand von 1856 bis 1870 in der Vorstadt Neulerchenfeld, nach heutigen Straßenbezeichnungen lag der eindrucksvolle Holzbau an der Einmündung der Thaliastraße in den Lerchenfelder Gürtel. Gespielt wurden vor allem Volkspossen, ein Höhepunkt war die Wiener Erstaufführung von "Tannhäuser". Der Impresario Johann Hoffmann war Wagner-Fan.



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