Robert Sedlaczek

Journalist und Sachbuchautor

Rezensionen

Gregor Auenhammer in „Der Standard“, 12. 10. 2020, zum Buch "Sprachwitze"

Mit absichtlichen verbalen Doppeldeutigkeiten, bewussten (und unbewussten) Entgleisungen, Missverständnissen, mit Sinnveränderungen durch unterschiedliche Betonung, mit überraschenden Mischkulanzen, Meschuggasen und Wortspielen beschäftigte sich Robert Sedlaczek. Der 1952 in Wien geborene Germanist und Publizist (Kolumnist der Wiener Zeitung) präsentiert nun nach diversen Nachschlagwerken über Ausgesprochenes sowie Unaussprechliches (gemeinsam mit STANDARD-Autor Christoph Winder) eine Art Lexikon über Sprachwitze. Die herausgestreckte Zunge auf dem Cover lässt tief blicken und bleibt nicht unbegründet. In amüsanter und geistreicher Art und Weise präsentiert Sedlaczek perfekte Pointen, Palindrome und Schüttelreime, dekuvriert billige Kalauer und wichtige Tabus, aggressive und obszöne Witze, seichte Metawitze und geistige Flachwichser, trennt Dialekt und Dialektik, entlarvt Tiefsinniges, Abgründiges und Naheliegendes. Sigi Freud, schau oba! Dass dem "jüdischen Witz" qua "angewandte Verbalakrobatik" eine besondere Bedeutung zukommt, versteht sich eigentlich ganz von selbst.

Rotraut Schöberl am 22. 9. 2020 im Puls-4-Literatur-Talk "Die Buchtipps der Woche" zum Buch "Sprachwitze"

Robert Sedlaczek ist ein Fachmann für alles, was die Sprache betrifft, er hat sich seit langem auch mit dem Wienerischen befasst. Jetzt hat er ein Buch mit 500 Witzen herausgebracht. Ich kann euch sagen: Ich hab diese Witze im Leporello (meiner Buchhandlung) vorgelesen - da konnte keiner mehr weiterarbeiten. Wie immer bei ihm: Du bekommst die Entstehungsgeschichte dazu, und auch die Analyse, du liest, wie der Witz funktioniert. Meine Lieblingspointen von Herrn Waldbrunn, nämlich dem Herrn Schöberl (!), sind auch dabei. Wenn man sich ernsthaft oder nicht ernsthaft mit Witzen beschäftigen will, dann ist es genau das richtige Buch. Es ist sogar für den Sprachwissenschafter interessant. 

Johannes Reiss schreibt am 23. 10. 2018 im Blog des Jüdischen Museums Wien

Franz Jolesch starb am 25. Juli 1961 in Santiago de Chile und ist am jüdischen Friedhof daselbst in Sektor R, Reihe 5, Nummer 24 begraben. Im Friedhofsregister ist Franz Jolesch eingetragen, die Messingbuchstaben der Grabinschrift sind bis auf zwei Zahlen verschwunden (gestohlen?). Allerdings macht die Rückseite des Grabsteines sicher, dass es sich wirklich um den Grabstein von Franz Jolesch handelt: „In Liebe Deine Kató“.

Schon ganz am Anfang des ersten Kapitels von Friedrich Torbergs „Tante Jolesch“ wird der Tante Lieblingsneffe Franz vorgestellt: „Was nun die Tante Jolesch selbst betrifft, so verdanke ich die Kenntnis ihrer Existenz ‒ und vieler der von ihr überlieferten Aussprüche ‒ meiner Freundschaft mit ihrem Neffen Franz, dem lieben, allseits verhätschelten Sprössling einer ursprünglich aus Ungarn stammenden Industriellenfamilie, die seit langem in einer der deutschen Sprachinseln Mährens ansässig und zu beträchtlichem Wohlstand gelangt war. (…) Ich war wiederholt auf dem mährischen Besitz seiner Familie zu Gast … Die einrückenden Deutschen hatten ihn 1939 als Juden eingesperrt, die befreiten Tschechen hatten ihn 1945 als Deutschen ausgewiesen. Man könnte sagen, dass sich auf seinem Rücken die übergangslose Umwandlung des Davidsterns in ein Hakenkreuz vollzog. Er verbrachte dann noch einige Zeit in Wien und übersiedelte schließlich nach Chile, wo er bald darauf an den Folgen seiner KZ-Haft gestorben ist. Die Tante Jolesch hat das alles nicht mehr erlebt …“

Als wir vor einigen Jahren einer 1939 von Wien nach Santiago de Chile emigrierten Dame, die vor einigen Tagen ihren 90. Geburtstag feierte, das Buch „Tante Jolesch“ übergaben, rief sie erfreut nach dem Lesen der ersten Zeilen über den Neffen Franz: „Ja, ich habe Franz Jolesch noch persönlich gekannt“. Selbstverständlich wusste Torberg sehr wohl, dass Franz 1961 in Chile verstorben ist ‒ und nicht kurz nach seiner Ankunft in Chile ‒, er hatte seiner Frau Katharina (Kató) zum Tod von Franz Jolesch kondoliert. Dennoch kann man verstehen, warum Torberg dieses Detail der Biografie umgeschrieben hat. Er wollte zeigen, dass Überlebende der Konzentrationslager oft recht bald an den dort erlittenen physischen und psychischen Wunden verstorben sind. Auch sie sind Opfer der Schoa.

Schon vor gut fünf Jahren hatten sich Robert Sedlaczek mit der Tante Jolesch sowie Georg Gaugusch mit der Genealogie zur Familie Jolesch, die er für das Buch von Sedlaczek zur Verfügung stellte, intensiv beschäftigt ‒ beide Autoren nennen allerdings weder ein genaues Sterbedatum noch den Begräbnisort von Franz Jolesch.

https://www.ojm.at/blog/2018/10/23/franz-jolesch/

Heute, 28. 3. 2017, zum Buch "Österreichisch für Anfänger"

Wussten Sie, dass Gspusi vom Italienischen sposi (Verlobte/Eheleute) kommt? Und dass ein Bier nicht unbedingt ein 16er-Blech sein muss? Nein? Dann sind sie ein sprachliches Nockapatzl und sollten sich überlegen, sich „Österreichisch für Anfänger“ (Amalthea) zuzulegen. Und falls Sie beim Lesen nicht loslachen – spätestens beim Anschauen der Bilder werden Sie sicher wiehern.

Franz Küberl in Die Furche, 25. 8. 2016, zum Buch "Die Kulturgeschichte des Tarockspiels":

Vor gar nicht so langer Zeit gehörte es in so manchem Priesterseminar Österreichs zum guten Ton, dass Alumnen auch Tarock spielen lernten, um Weihehindernisse aus dem Weg zu räumen und im priesterlichen Leben auch am Kartentisch Mann Gottes sein zu können. Es war ein langer Weg bis dorthin, denn das Tarockspiel (wohl um 1440 in Italien entstanden) galt - wie einer am Ende des 15. Jahrhunderts gedruckten Bannpredigt eines umbrischen Franziskanermönchs zu entnehmen ist - als des Teufels. "Nichts ist für Gott in der Welt so hassenswert wie die trionfi des Tarockspiels

Die 21 Trionfi sind die 21 Sprossen einer Leiter, die den Menschen in die Tiefe der Hölle führen."

Wolfgang Mayr und Robert Sedlaczek gehen in ihrer Kulturgeschichte des Tarockspiels genau vor. Die Ausbreitung des Tarocks über das ursprüngliche Spielzentrum Norditalien (Ferrara, Bologna, Florenz, Mailand) nach Frankreich, später über die Schweiz in die Habsburger Monarchie wird ebenso nachgezeichnet, wie die Vervielfältigung der Spielarten (heute kennt man etwa 20 Grundformen von Tarock) und Spielvariationen - weil bestimmte Karten mit zusätzlichen Werten versehen werden, neue Kombinationen dazukommen. Mit jedem Ausbreitungsgebiet kommen neue Spielvarianten dazu. Im 19. Jahrhundert wird die Extrakarte "Narr" zum "Gstieß" und zum höchsten Tarock; die Tarockkarte XXI, ursprünglich "Welt" genannt, bekommt den heute üblichen Namen "Mond"(franz. "le Monde"). Gespielt wurde und wird -je nach Landstrich - mit Kartenpaketen zwischen 40 bzw. 42 (Budapest) und 78 (Italien) Karten. Aber immer mit 22 Tarock. Den Österreichern war die Variante mit 54 Karten am haltbarsten. Zwei, drei, meistens aber vier Personen spielen miteinander.

Über lange Zeit wurden Tarockkarten von Hand gefertigt. Später, mit den fortschreitenden Druckverfahren, werden die Karten für viele Menschen erst erschwinglich. 1754 ist dann das erste deutschsprachige Tarockregelheft "Regeln bey dem Taroc-Spiele" in Leipzig erschienen.

Die Popularität des Tarocks führte dazu, dass Kaiserin Maria Theresia für Böhmen und die österreichischen und böhmischen Erbländer eine Steuer von 7 Kreuzer pro Tarockpaket einheben ließ. Der Erzbischof von Salzburg war teurer: 30 Kreuzer waren für ein Packerl Tarockkarten zu zahlen.

Und dann gibt es eine große Zahl populärer Spieler. Spielerische, Verbissene, Exzellente, Leidenschaftliche: Mozart, Nestroy, Radetzky (der angeblich sein halbes Vermögen verspielte) - wie überhaupt in der k. u. k Armee Tarockieren querfeldein beliebt war. Johann Strauß -ihm war das Tarockieren angeblich lieber als das Komponieren. Kaiser Franz Joseph war zwar auf vielen Tarockkarten abgebildet, er blieb allerdings der Jagd treu. Marie Ebner von Eschenbach - sie steht für viele Frauen der gehobeneren Schicht, die gerne tarockierten. Genauso wie Siegmund Freud, der legendäre Dr. Sperber (bekannt aus der Tante Jolesch), aber auch Peter Handke, der in seinem Buch "Der Chinese des Schmerzes" tarockverewigend schreibt. Handke spielte in Salzburg in einer Runde, an der auch der kunst- und geschichtssinnige Salzburger Prälat Johannes Neuhardt teilhatte.

Natürlich streifen die begnadeten Tarockierer Mayr & Sedlaczek in ihrer präzisen und tiefsinnigen, aber immer das Akribische durch das Heitere entschärfenden Recherche auch das Milieu der Caféhäuser. Jonas Abeles Café in Wien wurde einst sogar zum Synonym einer schwindelsicheren Variante des Gebens.

Dass Politiker tarockieren, weiß man aus den Seitenblicken des ORF. Aber die genaue Auflistung gibt es in diesem Buch. Der erste Staatskanzler der Republik, Karl Renner, tarockierte ebenso (1919 in St. Germain mehr als er eigentlich wollte) wie praktisch alle Kanzler, hohen Politiker und Journalisten der Zweiten Republik. Auch die tarockierenden katholischen Bischöfe Krautwaschl und Scheuer, wie auch der evangelische Landesbischof Michael Bünker sind dem Radar der beiden Autoren nicht entgangen.

Abgerundet wird das für Tarockinteressierte äußerst lesenswerte Buch mit einem sprachlichen Rundblick zu den unzähligen Tarockbegriffen und Sonderbeispielen aus dem "tarockanischen " Leben - vom polnischen Königrufen bis zum Brixentaler Bauerntarock (originellerweise mit doppeldeutschen Karten).

Nach dem Lesen bleibt: auf zum nächsten Tarockspiel, bei dem man nicht nur mit guten Karten sondern auch mit enormem Wissenszuwachs brillieren kann.

Die Furche, 6. 2. 2014, zum Buch "Die Tante Jolesch und ihre Zeit"

Jeder kennt die Tante Jolesch. Aber stammen die Sprüche, die die Frau getan haben soll, auch tatsächlich von ihr? Friedrich Torberg hat eine Antwort auf diese Frage gleich in der Einleitung seines berühmten Buches gegeben. Die Tante Jolesch, so heißt es dort, hat tatsächlich gelebt und die meisten ihrer Sprüche selbst getan. Allerdings, so Torberg weiter, sollte man aufpassen, denn die Tante Jolesch ist eben keine Person im konventionellen Sinn, sondern ein Typus. Nichtsdestotrotz: Auf eine lange Recherche nach der Person der Tante Jolesch hat sich jetzt in einem eigenen Buch der österreichische Autor Robert Sedlaczek gemacht. (...)

Viele Freunde und Bekannte haben Torberg über Jahrzehnte hinweg Geschichten aus dem jüdischen Vorkriegs-Wien zugetragen. Von ihm, einem wahren "Dr. Anekdoteles“, wurden sie gesammelt und in dem Erfolgsbuch aus dem Jahr 1975 unter dem Namen der Tante Jolesch zusammengefügt. Wenn man neudeutsch will, ist die alte Dame also vor allem eins: ein in sich selbst verwachsenes Diskurskonglomerat.

Das Jüdische Museum Wien zur Ankündigung der Buchpräsentation "Die Tante Jolesch und ihre Zeit" mit Daniela Spera und Tarek Leitner am 13. 5. 2013

Hat es die Tante Jolesch, den Neffen Franzl und die Lieblingsnichte Louise wirklich gegeben? Und wer war Hugo Sperber? Robert Sedlaczek begibt sich gemeinsam mit Wolfgang Mayr auf eine Spurensuche zu den Figuren aus Torbergs berühmtem Buch und ihrem realen Hintergrund. Ihre Recherche geht aus von der Figur des berühmten Rechtsanwalts Hugo Sperber, der Bruno Kreisky beinahe im „Sozialistenprozess“ verteidigt hätte. In der Folge stoßen die Autoren auf überraschende Querverbindungen von Mitgliedern der Familie Jolesch zu bekannten Persönlichkeiten, aber auch auf neue und interessante Facetten aus dem Leben Torbergs und Kreiskys. Schließlich finden sie auch eine mögliche Antwort auf die Frage: Wer war die Tante Jolesch wirklich? Sie zeigen außerdem, wie Friedrich Torberg Material für sein Buch gesammelt hat, und erzählen vergessene Anekdoten aus der Welt der Tante Jolesch.

Der Standard, 22. 10. 2011, zum "Wörterbuch der Alltagssprache"

Robert Sedlaczek ist ein unermüdlicher Wort-Arbeiter und Wort-Erforscher: Nur ein halbes Jahr nach seinem trefflichen Wörterbuch der Alltagssprache Österreichs doppelt der bekannte Publizist, Journalist und Kolumnist der Wiener Zeitung mit einem nicht minder trefflichen Wörterbuch des Wienerischen nach, das wie auch das zuvor genannte Werk im rührigen Tiroler Haymon-Verlag erschienen ist. Mit einem Wörterbuch über das Wienerische bewegt man sich natürlich auf einem schon beackerten Feld. Allerdings haben die bekanntesten einschlägigen Werke, sprich die von Peter Wehle und Wolfgang Teuschl auch schon mehr als 30 Jahre (Wehle) bzw. 20 Jahre (Teuschl) auf dem Buckel, sodass vieles, was Sedlaczek gemeinsam mit seiner Gattin Melita zusammengetragen hat, rezenteren Datum ist. (…) An jüngeren Quellen, die nach bemerkenswertem Wiener Wortmaterial durchforstet wurden, nennt Sedlaczek den Kaisermühlenblues (von 1992 an) oder Trautmann, aber auch Texte von Musikern wie Adi Hirschal, dem Nino aus Wien, Ernst Molden, dem Ostbahn-Kurti, Roland Neuwirth oder dem famosen Trio Lepschi, das bei der Präsentation des Buches spektakulär aufspielte. (…) Ein unverzichtbares Vademecum für alle, denen das Wienerische am Herzen liegt.  

Franz Schuh, Die Zeit, 14. 2. 2011, zum "Wörterbuch der Alltagssprache"

Der Terminus Alltagssprache ist gut gewählt: Sedlaczeks gesammelte Wörter gehören nicht unbedingt zum Dialekt, können sich in ihm aber durchaus sehen lassen. (…) „Verwordakelt“ sagt leider kaum ein Mensch mehr, weshalb ich es hier nicht oft genug niederschreiben kann. Die Schreibweise mit „k“ ist mir lieber als „verwordagelt“. Das „k“ kracht besser und ist daher tüchtiger in der Mimesis. Es sagt deutlicher, dass etwas ganz und gar nicht zusammenpasst und windschief herumhängt. Ein weiteres Wort verdient besondere Aufmerksamkeit: „tramhapert“. Wir Wiener sind darauf stolz, tramhapert sein zu können. In Mexiko mag man bei der Siesta allenfalls verschlafen oder benommen sein. Tramhapert sind wir. „Hapert“ spielt aufs Haupt an, in dem die Träume abgehen, und dieser wunderbare, nicht ungefährliche Zustand zwischen Wachen und Träumen erlaubt es, unkonzentriert zu sein. Im Hochdeutschen gibt es kein besseres Wort für den fragwürdigen Zustand. So ein Wörterbuch lehrt, wie in ein und derselben Sprache das Unübersetzbare blüht.

Robert Löffler, Krone am Sonntag, zum "Wörterbuch des Wienerischen"

Das ist ein Wörterbuch, in dem ich weniger nachschlage als herumlese. Schöne neue und alte Wörter begegnen einem da, die das Herz erwärmen. Papst Locherl, Patschachter, Tschesen, Netsch usw. Nicht alles daraus versteht jedermann. In der Fernsehsendung „Wien heute“ wurde die Probe gemacht. Nun weiß ich wohl, dass solche Proben und Befragungen immer manipuliert sind. Man lässt zehn Leute etwas in die Kamera sagen und sendet dann jene Äußerung, die einem am besten ins Konzept passt. Aber das Konzept war diesmal, wenn man so sagen darf: ehrenwert und der Wahrheit entsprechend. Nämlich die Aussage, dass viele junge Leute – und freilich auch ältere Herrschaften – nichts mehr mit den guten alten Begriffen anzufangen wissen. Einer hatte auf die Frage, was „höscherln“ bedeuten mag, statt „jemanden zum Narren halten“ die Vermutung: „Jemandem mit einem Eichkatzlschwanz attackieren?“

Der Autor Sedlaczek versteht es auch, wie es sich für die Kolumnisten gehört, sein Werk mit Witz zu würzen, indem er Beispiele für Vokabel aus dem heutigen Lachen zitiert. Stichwort „Leberkäs“: „Sagen Sie was Blödes, damit ich nicht weinen muss …“ Josef Hader: „Wissen Sie, woraus der Leberkäs gemacht wird? Aus de Restln von de Knackwürst. Und woraus wern die Knackwürst gemacht? Aus den Restl vom Leberkäs. Und das geht so weida. Ewig.“ Kurzum: Es ist lustig zu lesen in diesem Büchl und germanistisch gescheiter wird man auch.

Die Furche, 25. 10. 2007, zum Buch "Das österreichische Deutsch"

Auch populäre Bücher orientieren sich vor allem am österreichischen Sonderwortschatz. "Das österreichische Deutsch" von Robert Sedlaczek etwa versammelt zahlreiche hierzulande gebräuchliche Wörter, illustriert und kommentiert ihre Verwendung und stellt ihnen die entsprechenden bundesdeutschen Ausdrücke gegenüber. Das Buch enthält aber auch umfangreichere Artikel über das Perfekt als Erzählform und das von Thomas Bernhard so gerne verwendete doppelte Perfekt ("er hat es vergessen gehabt"). Jüngst hat Sedlaczek sein "Kleines Handbuch der bedrohten Wörter Österreichs" vorgelegt.

Der Standard, 20. 9. 2004, zum Buch "Das österreichische Deutsch"

"Der Österreicher unterscheidet sich vom Deutschen durch die gemeinsame Sprache!" Häufig wird dieses Zitat Karl Kraus zugeschrieben. Falsch, sagt Robert Sedlaczek. Er hat die EDV-Erfassung aller Kraus-Texte konsultiert und das entsprechende Zitat nicht gefunden. Wirklich nachweisbar sei der Satz erst in Kabarettprogrammen von Karl Farkas. Sedlaczek nimmt es mit der Sprache genau. Schon von Berufs wegen. Von 1989 bis 2003 war der studierte Germanist, Anglist und Publizist Geschäftsführer des Österreichischen Bundesverlages. Jetzt hat er bei Ueberreuter ein Handbuch herausgebracht, "Das österreichische Deutsch", das am Donnerstag in der Österreichischen Nationalbibliothek präsentiert wurde. Das eingangs erwähnte Zitat steht als Motto dem Buch voran.

Schon als Student, als er für eine in Österreich tätige internationale Nachrichtenagentur arbeitete, wurden ihm immer wieder hierzulande geläufige Ausdrücke aus seinen Meldungen herausredigiert, erzählt Sedlaczek. Später im Verlagsgeschäft stieß er immer wieder bei deutschen Vertriebspartnern auf Verständnisprobleme. "Österreichisch ist keine eigene Sprache, das zu behaupten wäre völlig falsch. Aber es gibt die deutsche Sprache in zwei Ausformungen: ein deutsches Deutsch und ein österreichisches Deutsch. Der Duden neigt dazu, den Norden als Norm zu begreifen und den Süden als Abweichung. Mir geht es darum, die Gleichwertigkeit zu zeigen. Was in Österreich gesprochen wird, ist keine Abartigkeit des Deutschen."

Mehr als 1.300 Ausdrücke und Redensarten aus dem österreichischen Deutsch listet Sedlaczek auf und stellt sie (kenntlich gemacht durch kleine Länder-Fähnchen) ihren deutschen Pendants gegenüber. "lei(n)wand, bärig, klass" tritt gegen "toll, klasse, geil, knorke" an, "Zwutschkerl" trifft auf "Krümel, kleiner Wicht, Murkel", das "Bussi" auf das "Küsschen", der "Sessel" auf den "Stuhl". Zahlreiche vierfärbige Illustrationen aus Medien und Werbung dienen als Belege und sollen dem Werk den Charakter eines Hausbuches verleihen, das auch zum Schmökern einlädt. Fast 500 Seiten umfasst das Buch, "es könnte allerdings auch doppelt so dick sein", versichert der Autor, der weiß, dass seine Sammlung nur eine Momentaufnahme darstellt. Denn obwohl viele der aufgelisteten Unterschiede sehr alt sind (und Sedlaczek liefert eingehende etymologische Hintergründe), entwickeln sich Sprache und Sprachgebrauch rasch weiter.

Perfekt wanderte nordwärts

Er hege keine Angst vor einem zunehmenden sprachlichen Hegemonismus des Nordens, versichert Sedlaczek, im Wortschatz gebe es einen Austausch zwischen Norden und Süden und umgekehrt. Während man bei uns dank deutscher Privatsender etwa manches bereits "lecker" fände, sei zum Beispiel der "Strudel" auch im Norden heimisch geworden. Noch viel massiver sei es bei der Grammatik, der das Buch ein eigenes Kapitel widmet. Das in Österreich häufig verwendete Perfekt habe mittlerweile sogar in "Spiegel"-Gesprächen Einzug gehalten.

"Mit dem EU-Beitritt ist das Interesse an der österreichischen Identität stark gewachsen", glaubt Sedlaczek an den richtigen Zeitpunkt für sein Buch, "Man ist sensibilisiert für das Thema." Während mit dem berühmten Protokoll Nr. 10 1994 nur 23 österreichische Begriffe in die EU-Amtssprache aufgenommen wurden (übrigens alle, einschließlich der "Marille", aus dem kulinarischen Bereich), gibt es in einer EU-Datenbank 4.000 österreichische Ausdrücke, die den Dolmetschern das Verständnis erleichtern sollen. "Ich glaube nicht, dass man von staatlicher Seite einen Sprachgebrauch vorschreiben kann und soll. Wenn die Politik etwas machen kann, dann sind es Aktionen im Bereich des Bewusstseins. Wir sollten uns auch davon frei machen, dass die österreichische Variante Umgangssprache ist, die norddeutsche die Hochsprache." Die österreichische Sprachvariante habe zudem einen sehr hohen Sympathiewert auch im Norden Deutschlands. Das Buch ist daher als bewusstseinsbildende Maßnahme zu verstehen: "Wenn die Leute nach der Lektüre das Gefühl haben, 'Wir können stolz auf unsere Sprache sein!', dann wäre schon viel gewonnen."

 
 
 
 

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