top of page

Die Sprache lässt sich nicht manipulieren

Aktualisiert: 18. Juli 2023

Es gibt noch viel zu schreiben – bleiben wir in Kontakt!

Das war meine letzte Glosse in einer Mittwochausgabe der Wiener Zeitung. Seit dem Jahr 2005, als mich der damalige Chefredakteur Andreas Unterberger fragte, ob ich mir eine wöchentliche Sprachkolumne in der Wiener Zeitung zutraue, sind knapp tausend Beiträge erschienen. Ich bedanke mich bei meinen Lesern für die vielen positiven Reaktionen, auch für die eine oder andere kritische.

Mein Ziel war es von Anfang an, nicht ein Sprachpolizist, sondern ein Sprachbeobachter zu sein, also nicht normativ, sondern deskriptiv zu argumentieren. In jungen Jahren lief bei uns zuhause immer Karl Hirschbolds Radio-Sendung „Achtung Sprachpolizei!“ – es war für mich ein Horror, sein autoritäres Gehabe ging mir furchtbar auf die Nerven, „Trara, trara, die Sprachpolizei ist da!“ und „Streng vermerkt der Sprachpolizist, was gegen die Gesetze der Grammatik ist, doch dringt einmal ein Schuss an unser Ohr, dann ist es nur ein Schuss ... Humor.“ Es war nicht mein Humor.


Wenn man heute die Bücher Hirschbolds durchblättert, merkt man, wie rückwärtsgewandt der „Sprachpfleger“ war. Viele Regeln, auf deren Einhaltung er pochte, sind inzwischen vom Sprachwandel hinweggefegt worden. Irgendwann habe ich Hirschbolds Lebenslauf auf Wikipedia angeklickt. Dort fand ich den Satz: „Über seine Tätigkeit in der Zeit vom sogenannten Anschluss Österreichs bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs ist bisher weiter nichts bekannt.“ Na bitte: Mit einer einfachen Recherche lässt sich dieses Manko beheben. Hirschbold trat bereits am 31. Dezember 1935 der NSDAP bei, Mitgliedsnummer 6.337.109, und war auch in der nationalsozialistischen Lehrerorganisation aktiv.

In Deutschland vertritt heute Bastian Sick rückwärtsgewandte Sprachpositionen. Sick, geboren 1956 in Lübeck, jammert in seinen „Zwiebelfisch“-Kolumnen und in seinen Büchern, dass „der Dativ dem Genitiv sein Tod ist“. Sprachwissenschafter kritisieren, dass Sicks Beiträge allzu normativ und teilweise sachlich falsch sind. Ich empfehle Adré Meinungers kritische Auseinandersetzung mit dem Titel „Sick of Sick? Ein Streifzug durch die Sprache als Antwort auf den Zwiebelfisch“. Bastian Sick wollte auch das aus dem Englischen entlehnte Wort Laptop durch Klapprechner ersetzten: Er ist gescheitert. Auch eine offensichtliche Sprachlücke konnte nicht gefüllt werden. Wer nicht hungrig ist, der ist satt, wer nicht durstig ist, der ist „sitt“ – das war ein Vorschlag, hervorgegangen aus einem Wettbewerb, er wurde medial lautstark propagiert. Zwei Jahrzehnte später kann nur noch das Scheitern der Initiative konstatiert werden.

Ein Glück, dass sich die Sprache in demokratischen Gesellschaften nicht manipulieren lässt. Sie entwickelt sich weiter, nach Gesetzmäßigkeiten: die erste und die zweite Lautverschiebung, der Abfall der Endungen bei den Substantiven, der Wechsel von starken Verben in die schwache Konjugation, der Rückzug des Präteritums zugunsten des Perfekts – darüber ließe sich noch viel schreiben, auch über das Gendern, über den Politjargon und vieles mehr. Ich werde es in Zukunft auf meiner Webseite robertsedlaczek.at tun – und in meinen wöchentlichen Beiträgen auf sprachblog.at – wie immer durch eine rot-weiß-rote Brille.

2 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

"Ein Ei" oder "ein Eier"?

Hallo Manfred Klimek! Auf Deiner Facebook-Seite lese ich: Ostern. Wienerisch. Zur Sicherheit: Du Ei! Es Eia! 1979 einen native Deppen im Prater hingewiesen, dass Du Eia! falsch ist. Reaktion: Tschuk a

2 Comments


Guest
Jun 29, 2023

Ich gratuliere zu einer äußerst lange laufenden und erfolgreichen Kolumne und Sprachglosse. Sie haben vieles aufgegriffen und abseits von Fachjargon und Abstraktion den Leuten ein Angebot gemacht, sich mit Sprache auseinander zu setzen, das es sonst in der österreichischen Medienlandschaft nicht gab. Sie hätten sich eine noch längere Laufzeit verdient, aber wer hätte sich das nicht bei der Wiener Zeitung? Eine Frage wirft mir Ihre letzte Kolumne auf: Ob sich Hirschbold und Kranzmayer im NSLB gegenseitig die Kornblumen ansteckten? Wir werden es nur schwer heraus finden. Leichter ist es da schon, deren großdeutschen Sprachideen in ihren Werken auf den Zahn zu fühlen. Sie, Herr Dr. Sedlazek, hatten einen sehr guten Lauf in der Wiener Zeitung. Ich wünsche Ihnen alles Gute…

Like

robert.sedlaczek
Jun 27, 2023

Kommentare können auch ohne Registrierung gepostet werden. Wenn Sie sich registrieren, werden Sie verständigt, sobald ein neuer Beitrag erschienen ist. R.S.

Like
bottom of page