Der Ur-Beserlpark lag am Donaukanal
- Robert Sedlaczek

- vor 3 Tagen
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Ein Park mit kümmerlichen Bäumen und Sträuchern wird in ganz Österreich als Beserlpark bezeichnet. Manchmal wird damit laut Wikipedia auch ohne abwertenden Charakter ein Kleinparkanlage bezeichnet oder eine kleine städtische Parkanlage vom Ausmaß einer größeren Verkehrsinsel oder ein begrünter Vorplatz eines Gebäudes.
Rund um die Entstehungsgeschichte des Ausdrucks ranken sich Mythen und Fehlmeinungen, jetzt hat Johann Werfring in einem bei Böhlau erschienenen Buch den Sachverhalt überzeugend und mit zahlreichen Belegen aufgeklärt. Das großartige Buch trägt den Titel: "Auf der Nase des rosaroten Prinzen. Wiener Scherznamen aus kulturgeschichtlicher Perspektive".
Gemeint war ursprünglich ein Park am Franz-Josefs-Kai im Zentrum von Wien. Er wurde nach Abbruch der Befestigungsanlagen und der anschließenden Neugestaltung des Donaukanals 1861 eröffnet, und da die Ringstraßenwasserleitung erst 1867 fertiggestellt wurde, mussten die Bäume zunächst mit Schlauchwägen gegossen werden. Das war aufwändig und nicht ausreichend, die Gewächse verdursteten und verkümmerten.
Deshalb nannten die Wiener die Anlage zunächst Bürdelpark und dann Berserlpark - Bürdel war eine Bezeichnung für zusammengebundenes Reisig, und dieses wurde, mit einem Stiel versehen, auch zum Kehren verwendet.
Um die Jahrhundertwende war der Park dann eine prächtige Anlage mit Bänken, Kaffeepavillons, Limonadehütten und Gaslaternen - und ein beliebter Treffpunkt der Dienstmädchen mit den Soldaten aus den nahegelegenen Kasernen.

Johann Werfring schildert die katastrophale soziale Lage dieser "Haus-Sklavinnen": Sie mussten mit geringem Lohn und bei karger Kost bis in die späte Nacht zur Verfügung stehen, schliefen in einem winzigen Dienerzimmer oder in einem provisorisch aufgestellten Bett im Korridor, im Bad oder in extremen Fällen sogar in der Toilette der Wohnung. Manchmal waren sie auch angehalten, die Söhne des Hauses ins Sexualleben einzuführen, mit dem Risiko, schwanger zu werden. Verloren sie ihre Anstellung, oft auch wegen einer Krankheit, blieb ihnen nur ein Ausweg: die Prostitution. Beim Sexualkontakt mit den Soldaten gingen sie außerdem das Risiko ein, sich eine Geschlechtskrankheit zuzuziehen.
Werfring nennt Zahlen: Von den 410 im Jahr 1880 in Wien mit "Gesundheitsbüchern" neu bedachten Prostituierten waren 226 ehemalige Dienstmädchen. Im selben Jahr wurden 1.098 stellenlose Dienstmädchen wegen "liederlichen Lebenswandels" perlustriert.
Der Beserlpark am Donaukanal war für Dienstmädchen ein beliebter Rendezvous-Ort. Was nicht in Werfrings Buch steht: Dort konnten sie zwar Soldaten kennenlernen, eine spätere Heirat mit einem k.u.k. Offizier war allerdings so gut wie ausgeschlossen, denn diese mussten vor der Hochzeit eine beachtliche Heiratskaution hinterlegen. Sie variierte je nach Dienstgrad: 60.000 Kronen für Leutnante, 50.000 Kronen für einen Oberleutnant, 40.000 Kronen für einen Hauptmann/Rittmeister etc. Mit der Kaution sollte sichergestellt werden, dass sie eine Familie ernähren können.
Eine Zeitung illustrierte sogar mit einer Zeichnung die Gepflogenheit, dass ein Soldat, wenn er aus Wien abgezogen wurde, seine Beserlpark-Bekanntschaft in einer Abschiedsfeier temporär einem Kameraden übergab.

Hier kommt nun eine alte Bedeutung des Zeitwortes beseln ins Spiel, wie in dem Buch "Populäre Sprachirrtümer" von Sigmar Grüner zu lesen ist. Carl Loritza vermerkt sie 1847 in seinem Wörterbuch mit der Bedeutung "emsig hin und hertrippeln, geschäftig sein" und das Wort Besen für eine "liederliche, schmutzige Weibsperson", "liederlich", das war früher der abwertende Ausdruck für unverheiratete Frauen, die mit verschiedenen Männern Sozialkontakt haben und oft den Partner wechseln, also Frauen mit einem "unmoralischen" Lebenswandel. Aus diesem Grund wurden die Dienstmädchen auch Beserln genannt.
Der Park bekam aber seinen Namen nicht deshalb, weil dort die Anbahnungen von Geheimprostitution stattfanden, wie ich ursprünglich glaubte und in meinem "Großen Wörterbuch des Wienerischen" auch vermerkte, sondern weil dort zunächst kümmerliche Bäume standen, die wie Besen aussahen.
Die kurioseste Etymologie fand sich 2008 in der Wiener Zeitung, dort schrieb einer meiner damaligen Kollegen, dass der Park so klein gewesen sei, dass ein kleiner Besen, ein Beserl, ausgereicht hätte, um ihn auszukehren.



Mit dem "Bartwisch" als "kleinem Besen" bin ich nicht einverstanden.
Bei uns in St. Pölten ist ein Bartwisch ein (kleiner) Besen, der mit EINER Hand gehandhabt wird.
Unter einem "Beserl" würde ich einen kleinen Besen verstehen, der immer noch mit ZWEI Händen zu gebrauchen ist.