Warum wir Menschen als Wappler bezeichnen und wie Karl Öllinger den Basiswappler popularisierte
- Robert Sedlaczek

- 20. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. Juli
Wappler ist ein wienerischer Ausdruck, dessen Bedeutung und Herkunft oft diskutiert wird. Eine Ableitung von lateinisch vapulare (= Prügel bekommen) steht auf tönernen Füßen.
Wäre vapulare aus dem Lateinischen entlehnt worden, hätte es zunächst wohl vapulieren lauten müssen, analog zu fabulare und fabulieren oder irrtitare zu irritieren. Das Zeitwort vapulieren ist allerdings nicht belegt.
Wäre davon ein Hauptwort gebildet worden, müsste dieses Wapulierer oder Waplierer heißen - auch diese Form ist nicht zu finden.
Nicht zuletzt hat Wappler nicht die Bedeutung "Prügelknabe", sondern "ungeschickter, einfältiger Mensch".
Wappler geht laut Grimm'schem Wörterbuch auf ein altes deutsches Verb zurück: wappeln mit der Bedeutung "sich schwankend vorwärts bewegen, wackeln". Es handelt sich um eine Nebenform des viel bekannteren Verbs wabbeln, das beispielsweise über einen Pudding gesagt wird, der "sich zitternd, in sich wackelnd hin und her bewegt". Laut Duden kann auch "ein Bauch, ein Busen, ein Hintern" wabbbelig sein.
Das Wort Wappler ist also nicht von feiner lateinischer Herkunft. Das "Variantenwörterbuch des Deutschen" vermerkt es als "Grenzfall des österreichischen Standards", und listetet Wörter mit ähnlicher Bedeutung auf: Dodel, Dolm, Fetzenschädel, Hirnederl, Vollkoffer, Dummian etc. Am Ende des Stichworts Wappler steht der Hinweis: "Eine weibliche Form ist nicht gebräuchlich." Laut Duden gibt es jedoch Wapplerin als Bezeichnung für eine "untüchtige Frau".
In Maria Hornungs "Wörterbuch der Wiener Mundart" findet sich für Wappler auch die Bedeutung "Schmetterling". Quelle war eine mündliche Mitteilung des Mundartforschers Leopold Swossil. Das Flattern des Schmetterlings ähnelt der schwankenden Fortbewegung eines Menschen.
Wer den Basiswappler erfunden hat
In einer früheren Recherche für die "Wiener Zeitung" bin ich der Frage nachgegangen, wie das Kompositum Basiswappler entstanden ist. Wenn Zeitungen den Ausdruck gebrauchten, fügen sie oft den Vermerk © Karl Öllinger hinzu. Gemeint ist der damalige Sozialsprecher der Grünen, der diesen Ausdruck als Selbstbezeichnung verwedet hatte.

Ich befragte den damaligen Nationalratsabgeordneten, wie es dazu kam. Die Grünen standen mitten im Nationalratswahlkampf 1994. Sie hatten sich vorgenommen, einen witzigen Werbespot zu drehen. Schon von der Machart her sollte er ganz anders sein als die Belangsendungen der Großparteien. „Der Kabarettist Thomas Maurer hat uns dabei geholfen. Wir sind am Vorabend beisammen gesessen und haben Witze gemacht.“ Die Grünen wollten zeigen, dass sie in den Medien plattitüdenhaft dargestellt werden.
Als einzige Tageszeitung hatten die „Salzburger Nachrichten“ ausführlich über die Werbesendung berichtet. Demnach wollten die Spitzenkandidaten der Grünen ihre medialen Punzierungen persiflieren.
„Guten Abend, ich bin Peter Pilz, der linkslinke Demagoge im grünen Tarnmäntelchen!“
„Mein Name ist Madeleine Petrovic, und wie Sie sicher aus Film, Funk und Fernsehen wissen, hab ich in den letzten Monaten stark abgenommen!“
„Ich bin Johannes Voggenhuber, von Beruf doktrinärer Grün-Ajatollah für Dogmatik, Fundamentalismus und Humorlosigkeit!“
Der neue Sozialsprecher Karl Öllinger hatte noch keine Punze; deshalb präsentierte er sich als „anonymer, grüner Basiswappler“. Gemeint war: Einer, der sich an der Basis die Seele aus dem Leib rennt.
Thomas Maurer bestätigte Öllingers Angaben. „Ja, ich war es. Ich habe damals die Texte geschrieben und das Wort Basiswappler erfunden. Aber es war eine einmalige Sache, ich habe mich seither nie wieder für eine Partei engagiert.“ Das Copyrigth könnte also Thomas Maurer für sich beanspruchen, aber für Wortschöpfungen gibt es kein Urherrecht.
Thomas Maurer schrieb auch dem damaligen Grünen-Chef Van der Bellen einen Satz ins Drehbuch. Er sollte behaupten, dass er aus zwei Gründen für die Grünen ungeeignet sei: „Ich bin Kettenraucher und Wirtschaftsexperte!“
Zu dem Statement ist es nie gekommen. Der spätere Bundespräsident hat den Drehtermin verpasst - absichtlich oder unabsichtlich.
-----
Der Beitrag wurde am 5. Juli 2026 um einige Sätze erweitert, in denen erklärt wird, warum die Ableitung aus dem Lateinischen nicht funktionieren kann.



Wieder eine äußerst gelungene Kolumne, sehr geehrter Herr Kollege. Was ich allerdings wage, und zwar allein aus der Erfahrung mit dem Grimm'schen Oeuvre und dessen doch ziemlich großdeutscher Schlagseite, ist, zu hinterfragen, ob nicht Lat. vapulare doch als Etymon stimmen kann. Ich sehe in Grimm, außer deren Behauptung deutsch-dialektalen Ursprungs, keine fachlichen Begründung für wabbeln. Natürlich passte das den Brüdern besser als noch ein vulgärlateinischer Ausdruck in ihrer zu konstruierenden Reinheit und Purheit des Deutschen, das sie ja stets als das Germanische schlechthin auffassen. Wirklich ausgesprochen wurde Letzteres erst bei Wilhelm Scherer, aber da war es schon bei den Grimms.