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Die Dicken sind nicht mehr dick, sondern "mehrgewichtig".

Neulich lese ich im "Standard", dass "Menschen mit Mehrgewicht systemimmanent diskriminiert werden." Diese Feststellung ist im Gespräch mit einer "Plus-Size-Expertin" und einer Ärztin gefallen. Die Worte haben mich nachdenklich gestimmt. Bin auch ich "mehrgewichtig"?


Ein Blick auf das sprachliche Inventar in diesem Feld: Wer "schwergewichtig" ist, bringt ein hohes Körpergewicht auf die Waage, wer "leichtgewichtig" ist, ein geringes. Außerdem bezeichnen wir im übertragenen Sinn eine bedeutende Person mit großem Einfluss als "Schwergewicht", ein "Leichtgewicht" ist in etwa das Gegenteil.


"I wer blaad, sagt er, es is a Schand, iwan Bauch, sagt er, spannt si' 's Gwand", sang einst Kurt Sowinetz. "Is ka Wunder, sagt sie, frisst ja gnua, schau die Hosen, sagt sie, geht ned zua." So werden Menschen mit "Übergewicht" sogar vom Ehepartner diskriminiert.


Aus der Medizin kennt man "adipös" (= fettleibig; zu lateinisch adeps; Genitiv adipis = Fett) und "asthenisch" (= schlankwüchsig, schmalwüchsig, muskelschwach; zu griechisch asthenes = kraftlos, schwach). Man beachte: Nach der Wortherkunft ist adipös nicht negativ besetzt. Aber Astheniker gelten als Schwächlinge.


Ich war in jungen Jahren asthenisch, jetzt bin ich präadipös – so stand es unlängst in einem Befund. Von nun an werde ich mich allerdings als mehrgewichtig bezeichnen, das klingt besser, außerdem kann ich mit einer neuen Wortschöpfung prunken. Das Adjektiv ist von "Mehrgewicht" abgeleitet - über das normale, übliche Gewicht hinausgehend. Ein Koffer im Flugzeug darf maximal 23 Kilogramm wiegen; was darüber ist, gilt als Mehrgewicht und kostet Geld. Und bei einem Menschen?


Ich wollte wissen, wie es um meinen Body-Mass-Index bestellt ist, habe im Internet mein Gewicht und meine Größe in einen Rechner eingegeben. Mit 190 Zentimeter und 95 Kilogramm komme ich auf einen BMI von 26. "Bei diesem Wert spricht man von einem Übergewicht", schreibt das Programm, und in Klammern steht "Präadipositas". Schon wieder dieses hässliche Wort. Adipositas beginnt bei BMI 30, davon bin ich ein Stück entfernt.


Ich habe dann die Eintragung meines Gewichts so lange reduziert, bis mich das Programm als normalgewichtig einstuft. Es war deprimierend. Ich müsste auf 90 Kilo abspecken. Da lasse ich mich lieber mit meinem fünf Kilo Mehrgewicht „systemimmanent diskriminieren“. Im „Standard“ lese ich, dass „in der katholischen Vorstellung die Völlerei, womit Dicksein assoziiert ist, zu den Todsünden zählt; im Protestantismus sollte sich das Bauernvolk zurückhalten, seine gesellschaftliche Rolle war brav arbeiten und genügsam sein.“


Die Ärztin - sie leitete bis vor kurzem eine Adipositas-Ambulanz im AKH und ist heute in eigener Praxis tätig - räumt im "Standard" mit der Lehrmeinung auf, dass ein Übergewicht das Risiko für Herz- und Kreiskauferkrankungen, Diabetes und Krebs erhöht. Das sei "eine weitere Möglichkeit zur Diskriminierung unter dem Deckmantel der Sorge um die Gesundheit". Ihre Erfahrungswerte würden dagegen sprechen. "Ich habe zum Beispiel genug normalgewichtige Patienten, die viel kränker sind als viele Mehrgewichtige."


Gesundheitskasse statt Krankenkasse


Euphemismen, wo man hinschaut: "Mehrgewicht" statt "Übergewicht", in den meisten Wellnesshotels gibt es neuerdings nicht mehr "Behandlungen", sondern nur "Anwendungen", aus der "Krankenkasse" wurde eine "Gesundheitskasse". Wer kennt noch weitere Beispiele?

An das Wort "Gesundheitskasse" habe ich mich noch nicht gewöhnt. Lukas Resetarits weist in seinem jüngsten Programm mit dem Titel "Über Leben" darauf hin, wie irreführend diese euphemistische Neuschöpfung ist: Wenn du krank bist, musst du zunächst einmal gesund werden, erst dann darfst du zur Gesundheitskasse.


5 Kommentare

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5 Comments


Guest
Feb 26

Ja, mich hat dieses neue Idiotenwort auch sehr gewundert. Es ist halt Standard.

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Guest
Feb 26

... oder wie man mir bei der Einstellung der Bindung (es zählen Größe und Gewicht) beim Skiverleih sagte: "Ah, Sie haben Untergröße!" 🤣

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Guest
Feb 14

wie sieht das mit dem gendern von dem englischen wort user aus? ist user:innen eine wortvergewaltigung oder ein legitimes gendern?

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Guest
Feb 14

wie sieht das mit dem gendern von dem englischen wort user aus? ist user:innen eine wortvergewaltigung oder ein legitimes gendern?

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elfischramboeck1
Feb 15
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Die englische Sprache kennt kein Gendern. Gott sei Dank.

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