Erich Kocinas Öffi-Wörterbuch: Von Angsthäuferl bis Zwicken
- Robert Sedlaczek

- 11. März
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 4. Apr.
"Der öffentliche Verkehr ist ein Thema, das so ziemlich alle Menschen betrifft. Weil sie an Straßenbahn, Bus und U-Bahn kaum vorbeikommen, ob als Nutzer oder als Autofahrer, Radler oder Fußgänger, der Bim ausweichen müssen." Mit diesen Worten leitet Erich Kocina sein interessantes und lesenswertes "Wiener Öffi-Wörterbuch" ein, erschienen bei Ueberreuter, hier ein Blick ins Buch.
Die gesammelten Ausdrücke werden journalistisch elegant präsentiert - Kocina ist Chef vom Dienst in der Tageszeitung "Die Presse" - und sind klassisches Infotainment, ein Lesegenuss mit Wissensgewinn.

Die Ausdrücke lassen sich in zwei Gruppen kategorisieren: In den teils witzigen Fachjargon, der innerhalb der Belegschaft der Wiener Linien gepflegt wird, und in einen allgemeinen Wortschatz, der Teil des Wienerischen ist.
Einige Straßenbahnlinien bekamen Spitznamen, die sich großer Beliebtheit erfreuen
Beginnen wir mit dem allgemeinen Wortschatz. Die Wiener machen sich einen Spaß daraus, bestimmten Linien einen Spitznamen zu geben.
Die Linie 38 wird von den Wienern als Heurigenlinie bezeichnet, manchmal auch als Tschecherantenexpress, weil sie vom Schottentor zu den Heurigenlokalen in Grinzing fährt. Sie kommt sogar in einem bekannten Wiener Lied vor: „Was is denn heut nur los, was is denn heut nur gschehn? Heut san so überfüllt die Achtadreißger Wägn“, heißt es in „Heut kommen d’ Engerln auf Urlaub nach Wien."
Die Linie 71 firmiert als der Witwenexpress - in Anspielung auf jene weiblichen Fahrgäste, die damit zum Zentralfriedhof fahren, um die Gräber ihrer verstorbenen Ehemänner zu pflegen. Früher sind angeblich manche Fahrgäste mit Gießkannen unterwegs gewesen, dadurch entstand der Ausdruck Gießkannenexpress.
Tschecherantenexpress, Witwenexpress, Gießkannenexpress: Wird damit auf ironische Weise zum Ausdruck gebracht, dass es längere Fahrten waren und dass es schön wäre, schneller ans Ziel zu kommen?
Die Linie 80 verkehrte von 1909 bis 1969 zwischen der Rotundenbrücke und dem Lusthaus im Wiener Prater. Weil sie zum Großteil durch die Grünlandschaft führt, nannte man sie auch Dschungelexpress.
Die Linie 47 führt nach Steinhof, in Wien gilt Steinhof als Synonym für eine Irrenanstalt. Daraus entstanden Redewendungen wie den steck ma in den Siemaviazga. Die Straßenbahnlinie wurde 1962 eingestellt und durch einen Autobus ersetzt.
Die Bediensteten der Wiener Linien haben ihren eigenen Fachjargon
Zur Jargon innerhalb der Wiener Linien gehören auch Wörter, deren Herkunft Rätsel aufgeben. Nur die Bediensteten der Wiener Linien wissen, was ein Gneangl ist? Gemeint ist ein isolierter Handhebel, mit dem der Stromabnehmer der Silberpfeil-U-Bahn händisch umgelegt werden kann. Das passiert auf der Strecke, wenn der Wagen so kaputt ist, dass er abgeschleppt werden muss. Die Herkunft des Ausdrucks ist unbekannt.
Zwingerl ist ebenfalls ein Wort aus der Fachsprache der U-Bahnfahrer. In diesem Fall ist die Wortherkunft evident. Bei Überschreiten der vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit wird der Wagen in einen niedrigeren Geschwindigkeitsbereich "gezwungen".
Ab dem Jahr 1961 wurden die Fahrscheine nicht mehr durch Stanzen einer Lochung entwertet, der Wiener sagte gezwickt, sondern durch Aufdruck eines Stempels. Dies geschah mit der Makozange. Die Bezeichnung des Geräts geht nicht auf das Wort markieren zurück, wie Andrea Dusl in ihrer Falter-Kolumne schrieb, sondern auf den Namen des Herstellers: Mako Apparatebau Fritz Brede, Offenbach.
Die Ära der Makozange endet mit dem aus für die Schaffner Ende 1996. Auch die Firma Mako gibt es nicht mehr, die Eintragung im Handelsregister wurde gelöscht.
Eine Reise in die Vergangenheit des Tramway-Fahrens
Erich Kocinas Buch, es ist mit vielen historischen Fotos illustriert, weckt bei mir Erinnerungen an meine Jugend, zum Beispiel an die Messmarke in 1,50 Meter Höhe, bis zu der ich keinen Kinderausweis zeigen musste. Als es noch eine Gepäckgebühr gab, wurde auch die Höhe von Koffern an einer ähnlichen Markierung gemessen.

Als Kinder schauten wir dem Tramwayer zu, wie er mit der Kurbel die Geschwindigkeit regulierte - seit Ende der 70er Jahre wird eine Straßenbahn mit Hebeln oder joystickartigen Vorrichtungen gesteuert.
Bei Erich Kocina lese ich, dass die Kurbel wegen ihrer Ähnlichkeit mit den früheren Kurbel-Kaffeemühlen auch Kaffeereibn genannt wurde. Um die Handflächen zu schützen, stülpten die Tramwayer ein gehäkeltes Häubchen über den Knauf. Dieses wurde auch Kurbelmützerl oder Präserl. Ältere Bedienstete der Wiener Linien, vormals Wiener Stadtwerke - Verkehrsbetriebe, behaupten, dass diese Präservative eigentlich verboten waren - verwendet wurden sie trotzdem.



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