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Der Öffi-Jargon - liebevoll dokumentiert von Erich Kocina

  • Autorenbild: Robert Sedlaczek
    Robert Sedlaczek
  • 24. Sept. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Neulich bin ich auf ein Buch gestoßen, das ich wärmstens empfehlen möchte: Erich Kocina, "Wiener Öffi-Wörterbuch. Von Angsthäuferl bis Zwicken."

 

Dass früher der Schaffner die Fahrkarten mit einer Zange gezwickt, also entwertet hat, wusste ich. Aber Angsthäuferl im Zusammenhang mit den Wiener Straßenbahnen war mir fremd.


Erich Kocina erklärt es so:


Um die Bremswirkung auf nasser oder glatter Strecke zu erhöhen oder bei einer Notbremsung kann ein Straßenbahnfahrer die Sandstreuvorrichtung aktivieren. Der Sand verbessert die Bremswirkung und verhindert, dass die Räder rutschen. Drückt ein Fahrer aus Angst den Streuhebel allerdings so lang, dass der Sand noch rieselt, obwohl der Wagen schon steht, bildet sich auf den Schienen ein kleiner Sandhaufen. Dieser wird Angsthäuferl genannt.


Das ist der Jargon der Straßenbahner, nicht der Öffi-Fahrgäste, wobei die Wortbildung interessant ist. Offenbar spielt jene wienerische Wendung eine Rolle, die auf einen vor Angst bebenden Menschen gemünzt ist. Wer über jemanden sagt dem geht der Reis, der verwendet Reis als Ersatzwort für einen unfeinen Ausdruck, der sich auf Reis reimt. Eine Wendung mit einem ähnlichen Gedankengang ist dem geht das Klapperl - der anale Schließmuskel spielt nicht mehr mit. Analog dazu lässt der ängstliche Straßenbahner ein Angsthäuferl auf den Schienen liegen. 


Faszinierend war für mich die Erkenntnis, dass die Straßenbahner, und auch die Ferrosexuellen unter den Fahrgästen, die verschiedenen Straßenbahntypen mit Spitznamen versehen: Edi (für die Type E in der ersten Entwicklungsphase), Emil (für die erfolgreiche Fortsetzung der Type E), Felix (für die jüngste Generation X der U-Bahn) und Ulf (für Ultra Low Floor, also niedrigste Flur) - es kommen also immer männliche Vornamen zum Zug, wobei den "Wiener Linien" diese Personalisierung offensichtlich gelegen kommt. 


So hat 2021 der Öffi-Stadtrat Peter Hanke ein Online-Voting für den neuen X-Wagen der U-Bahn gestartet, der übrigens auch für den fahrerlosen Betrieb ausgelegt ist. Gesucht war ein Name, der ein X enthält. FeliX gewann überlegen vor MaXi, Xandi, Xenia und Xaverl. Rund 44.000 Menschen beteiligten sich.


Mit Bezug auf ihre Endstation hat der Volksmund manchen Straßenbahnlinien einen witzigen Namen gegeben: Der Anasiebzga fährt zum Zentralfriedhofer wird auch Gießkannenexpress oder Witwenexpress genannt. Die Wendung den Anasiebzga nehmen heißt sterben. Der Achtadreißga bringt die Heurigengeher nach Grinzing, er heißt auch Tschecherantenexpress. Express ist in diesen Fällen vermutlich ironisch gemeint, die Wege zum Heurigen und zu den Gräbern können recht weit sein.


Die Linie 38 kommt sogar in einem der bekanntesten Wienerlieder vor, geschrieben von Ferry Wusch, interpretiert von Peter Alexander, Gus Backus und vielen anderen: „Was is denn heut nur los, / was is denn heut nur gschehn? / Heut san so überfüllt / die Achtadreißga Wägn“, 

heißt es in "Heut kommen d' Engerln auf Urlaub nach Wean". Sie hören dann beim Heurigen die Schrammeln und singen dazu ...


Der Simafiazka war bis 1962 eine Straßenbahnlinie, die nach Steinhof, zur Heil- und Pflegeanstalt für Geistes- und Nervenkranke führte; daher die Redewendung: den steck ma in den Simafiazka für: der ist ein Narr, er gehört in eine Irrenanstalt. Die Linie wurde 1962 eingestellt und durch einen Autobus ersetzt.

  

Erich Kocina, Chef vom Dienst in der Tageszeitung Die Presse und jeden Montag ein von mir gern gelesener und hoch geschätzter Sprachkolumnist, erklärt selbst die schwierigsten Begriffe anschaulich: Wussten Sie, warum die letzte Straßenbahn vor Betriebsschluss die Blaue genannt wird und die vorletzte die Weiße?


Dazu vielleicht ein andermal mehr. Inzwischen ergötze ich mich an den schönen Fotos von historischen Straßenbahnen und Bussen. Da werden Jugenderinnerungen wach.

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Erich Kocina: "Wiener Öffi-Wörterbuch. Von Angsthäuferl bis Zwicken"; Ueberreuter, Wien 2025, 16 Euro.

 




 
 
 

1 Kommentar


Stefan Dollinger
27. Sept. 2025

Gratuliere zu einer gelungenen Buchbesprechung zu einem wohl sehr gelungenen Buch, auf das ich mich schon freue. Da Kocina kennt se jo aus mit'm Österreichischen Deitsch, da Sedlaczek sowieso. Was man nicht vergessen sollte: Die Öffi-Nutzung ist leider nicht in allen Teilen der Welt positiv konnotiert, was dem Sprachspiel mit ihr in anderen Städten erhebliche Schranken vorgibt. Ist mir im Englischen völlig unbekannt, selbst in New York oder London, wo die U-Bahn schon noch als "Equalizer" - müssen sie doch die allermeisten benutzen - fungiert. In Vancouver sowieso.Meine These: Öffis haben hier zu viel soziales Stigma. Wer kann, fährt lieber nicht damit. Hat mich immer schockiert. Wie soll man so die Klimaziele erreichen? Schön, dass des in Wean net so…

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