Latein und zweite Fremdsprache: Die Petitionen wirken
- Robert Sedlaczek

- 18. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Neos-Bildungsminister Christoph Wiederkehr hat mit seinen angekündigten Lehrplanreformen, die eine Kürzung des Lateinunterrichts und der zweiten Fremdsprache zugunsten von Informatik und Künstlicher Intelligenz vorsehen, einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Die Petition "Latein ist kein Luxus - es ist Bildung", siehe meinen früheren Blog, kam bis dato auf knapp 40.000 Unterschriften, die etwas später gestartete Petition "Natürliche Intelligenz stärken - mit fundiertem Sprachunterricht" erzielte in kürzester Zeit knapp 10.000 Unterschriften. Das sind Rekordergebnisse.
Die von der Innsbrucker Universität ausgehende Petition zur zweiten Fremdsprache verdeutlicht mit ihrem Slogan, dass Wiederkehr die künstliche Intelligenz und die menschliche/sprachliche Intelligenz gegeneinander ausspielen will. Ein Streichung von Stunden im Bereich zweiter Fremdsprache führt dazu, dass die Schüler nach der Matura in dieser Sprache ein wesentlich niedrigeres Sprachniveau aufweisen als bei der bisherigen Stundenzahl. So gesehen ist die Kürzung der Fremdsprachen noch schlimmer als die Kürzung von Latein.
Vielleicht wird auch Wiederkehr eines Tages erkennen, dass in einer immer stärker vernetzten Welt das Beherrschen verschiedener Sprachen von essenzieller Bedeutung ist. Angesichts der Zollpolitik von Donald Trump müssen auch die Europäer enger zusammenrücken - und miteinander kommunizieren.
Auch im kulturellen Bereich ist gegenseitiges Verstehen wichtig. Latein ist ein Bindemittel nicht nur zwischen den romanischen Sprachen, sondern auch zu den germanischen Sprachen wie Deutsch und Englisch, wo unzählige Lehnwörter aus dem Lateinischen oder den lateinischen Nachfolgesprachen zu finden sind.
Die von Innsbruck ausgehende Initiative illustriert das Anliegen auf der Petitionswebseite aufstehn.at genial:

Links die bedrohliche Roboter-Hand, rechts die menschliche Hand, angelehnt an Michelangelos Fresco "Die Erschaffung Adams". Besser geht es nicht. Die Petition baut damit auch eine Brücke zur Petition gegen die Kürzung im Lateinunterricht.
Die Latein-Petition wurde gleich beim Start mit Unterschriften von drei der noch vier lebenden österreichischen Nobelpreisträger unterstützt (Elfriede Jelinek, Peter Handke und Anton Zeilinger), der vierte, Erich Kandel, ist in sehr hohem Alter, er war offenbar nicht erreichbar oder wollte nicht unterschreiben.
Die Fremdsprachen-Petition war ein Nachzügler und hatte eine etwas schwächere mediale Wirkung. Für mich steht fest: Beides ist wichtig, beide Fächer sollten nicht gekürzt werden.
Den drei Nobelpreisträgern vorzuwerfen, sie sollten sich lieber in einer Petition für eine umfassende Bildungsreform einsetzen - so zu lesen in einem redaktionellen Meinungskommentar des "Standard" - ist wenig stichhaltig. Petitionen befassen sich mit einem genau definierten Vorhaben eines Politikers oder einer Behörde und kämpfen dagegen an. Eine allgemeine Reform des Bildungswesens kann nicht durch eine Petition angestoßen werden.
ÖVP möchte KI fächerübergreifend verankern - damit wären die Kürzungen vom Tisch
Vor wenigen Tagen ging auch Wiederkehrs Koalitionspartner ÖVP auf Distanz. Man wolle gerne konstruktiv an Reformen mitarbeiten. "Das können wir aber nur, wenn es auch eine vernünftige Substanz gibt", kritisierte Bildungssprecher Nico Marchetti gegenüber der Tageszeitung "Die Presse". Die Reform der AHS-Oberstufenlehrpläne ist für ihn nicht fix, man sei hier erst "am Start".
Bei so sensiblen Themen wie den Lehrplänen, wo es viele Wünsche und Erwartungen gebe, müsse die Politik sich gesamthaft überlegen, welche Inhalte es in einem modernen Bildungssystem braucht. Noch liege dazu aber nichts am Tisch, kritisierte Marchetti, der auch Generalsekretär der ÖVP ist. Es gebe dazu weder Unterlagen noch Verhandlungstermine oder eine Einbindung der Personalvertretung.
Wiederkehrs Pläne sind nach Marchetti keineswegs eine ausgemachte Sache. "Wir sind noch am Start", sagte er gegenüber der Zeitung. KI müsse aber kein neues Fach sein, sondern sollte als Technik in jedem Fach behandelt werden. Gerade in Zeiten von KI und ChatGPT brauche es mehr humanistische Bildung und nicht weniger. Man sei in der Sache nicht weit auseinander, gerade bei sensiblen Themen wie den Lehrplänen gehe es aber um Details – darüber müsse man in der Koalition gesamthaft reden, unter Einbindung der betroffenen Schulen.
Auch SPÖ-Bildungssprecher Heinrich Himmer plädierte dafür, die Lehrplanreform nicht isoliert, sondern "breit und umfassend" zu denken. Dazu gehöre aber auch eine Diskussion über eine Gemeinsame Schule aller 10- bis 14-Jährigen - das wäre meines Erachtens wichtig, passt aber nicht zum Thema - und mehr Schulautonomie bei den Lehrinhalten.
Die Petitionen waren also nicht umsonst. Wiederkehr hat zwar Delegationen der zwei Initiativen abgewimmelt, aber sein Vorhaben wankt. Es lohnt sich, weiterhin Unterschriften zu sammeln.
Bitte diesen Beitrag teilen und hier für Latein unterzeichnen, hier für die zweite Fremdsprache! Genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger. Jede Unterschrift zählt!
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Lesetipp: Die Schriftstellerin Vea Kaiser hat am Samstag im Album des "Standard" den Beitrag "Meine Liebesgeschichte mit Latein. Über den Nutzen einer toten Sprache" veröffentlicht. Lesenswert und hier abrufbar! Dort heißt es u. a.: "Die Antike war nicht nur Wiege Europas, sondern auch Spiegel menschlicher Möglichkeiten - der guten wie der schlechten. Die Entwertung von Frauen, das System der Sklaverei, das Cäsarentum mit Ewigkeitsanspruch, die Manipulation der Massen durch die rhetorische Brillanz weniger: All das machte mir klar, dass Fortschritt kein Naturgesetz ist. Dass Gesellschaften Entscheidungen treffen. Und dass diese Entscheidungen Konsequenzen haben. Gerade diese Distanz zur Gegenwart schärfte meinen Blick für sie. Historische Beispiele erlauben Vergleich ohne unmittelbare Erregung. Sie zeigen Muster."



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