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Leopold Figls "Rundfunkrede 1945": Wie ich Zeitzeuge beim Aufdecken eines Irrtums wurde

  • Autorenbild: Robert Sedlaczek
    Robert Sedlaczek
  • 31. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 2. Jan.

Es wird irgendwann im Jahr 2000 gewesen sein: Ich arbeitete mit Horst Friedrich Mayer, dem beliebten ZIB-Moderator, an dem Buch "Die populären Irrtümer Österreichs" - er als Autor und Ideenlieferant, ich als Verleger und Mitverfasser.


Eines Tages kam HFM, wie er im ORF abgekürzt wurde, zu mir mir ins Büro: "Ich habe einen Irrtum, der gut ins Buch passt: die angebliche Rundfunkrede Leopold Figls am Heiligen Abend des Jahres 1945."

 

Die meisten hielten jenes Tondokument, das im ORF immer wieder gespielt wurde, für ein Original aus dem Jahr 1945 - einige meinten, die Rede konnte damals nicht aufgezeichnet werden, weil es unmittelbar nach Kriegsende kein funktionstüchtiges Aufnahmegerät gab; Figl habe aufgrund eines Redemanuskripts den Text später eins zu eins nachgesprochen -  wann und wo, war unklar.


HFM schilderte mir unter Berufung auf Ernst Wolfram Marboe, wie es sich wirklich abgespielt hatte.


Als 1965 die "Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände" (AKV) vor dem Stephansdom eine Großveranstaltung "20 Jahre Zweite Republik und 10 Jahre Staatsvertrag" plante, tüftelte AKV-Generalsekretär Hans Magenschab, der spätere Pressechef der Präsidentschaftskanzlei, am Ablaufplan. Figl war damals von seiner Krebserkrankung bereits schwer gezeichnet, ihn auftreten zu lassen, war nicht möglich. 


Der spätere ORF-Intendant Ernst Wolfram Marboe hatte eine Idee. Als Figl ins ORF-Rundfunk-Studio kam, um seine turnusmäßige Rede als Niederösterreichischer Landeshauptmann aufzunehmen, bat er ihn, sich für eine zusätzliche Tonbandaufzeichnung Zeit zu nehmen. Diese wurde am 26. April 1965 bei der Veranstaltung vor dem Stephansdom im Rahmen einer Multimedia-Show eingespielt. Figl war persönlich anwesend, er saß in der ersten Reihe, von einer Decke gewärmt, wie auf Fotos zu sehen ist; es war sein letzter öffentlicher Auftritt vor seinem Tod am 9. Mai 1965.


Diese Aufzeichnung haben wir seither immer wieder im ORF gehört - als "Originalaufzeichnung aus dem Jahr 1945", manchmal mit "Stille Nacht! Heilige Nacht!" unterlegt.


HFM fragte Hans Magenschab und Ernst Wolfram Marboe, ob ihnen 1965 ein ausführlicher Redeauszug aus dem Jahr 1945 vorgelegen war. Beide verneinten dies.


Aber was hat Leopold Figl 1965 eingelesen? 


Als Grundlage für die Aufzeichnung diente ihm eine Festschrift zu seinem 60. Geburtstag. Dort stehen in der Tat jene Sätze, die Figl schließlich auf Band gesprochen hat. Ich erinnere mich an die Fotokopie, die mir HFM zeigte: Links der Text mit der Überschrift "Leopold Figls Weihnachtsbotschaft 1945" rechts ein Foto Figls in einem Tonstudio, vor einem Mikrofon sitzend. Es war wohl ein passendes Archivfoto.


Wie ich später herausfand, erschien derselbe Text 1962 in dem Buch "Leopold Figl. Ein Österreicher" im Wiener Metten Verlag:



Auch hier der Hinweis, dass es sich um eine  "Weihnachtsbotschaft" handelt - nicht um eine "Rundfunkrede". Autorin dieses Buches war Susanne Seltenreich.


Ich erreichte die Figl-Biografin am Telefon. "Gab es einen Redetext aus dem Jahr 1945, den Figl 1965 eingelesen hat?" - "Ich glaube nicht, aber seither sind ja einige Jahrzehnte vergangen. Ich werde nachschauen, ob ich in den Unterlagen etwas finde, es sind mehrere Kisten."


Einen Tag später der Rückruf. "Ich habe nichts gefunden. Aber ich erinnere mich: Wir hatten das Gefühl, dass wir etwas von Figl zum Weihnachtfest 1945 brauchten. Ich habe ihn gefragt, was damals seine Botschaft an die Österreicher war. Daraufhin hat er mir diese Sätze diktiert. Ich habe sie immer als Weihnachtsbotschaft bezeichnet, nie als Text einer Rundfunkrede."


HFM wollte dennoch, dass wir im "Lexikon der populären Irrtümer" vorsichtig formulieren. Es könne ja sein, dass doch noch der Text einer Rede auftaucht, die Figl zu Weihnachten 1945 irgendwo gehalten hat ...


Aber seither ist ein Vierteljahrhundert vergangen, nichts dergleichen ist geschehen. Der Aufruf am Ende des Buches, das in mehreren Auflagen erschien und eine große Verbreitung hatte, blieb ergebnislos.


Hans Magenschab erzählte eine andere Geschichte. Er sei es gewesen, der den Text verfasst habe, auf Basis von Zeitungsausschnitten und Gesprächen mit Zeitzeugen - Magenschab, geboren 1939, war ja 1945 ein kleiner Bub. 


Aber Zeitungsberichte über eine Rundfunkrede Figls mit den besagten Worten lassen sich in keinem Archiv finden, es gibt auch keine Ankündigung einer Rede des Bundeskanzlers in den Radioprogrammen.


Magenschab betonte, er habe sich 1965 die Worte von Figl autorisieren lassen - wie wenn das Einlesen nicht ohnedies ein Akt der Autorisierung gewesen wäre. Und warum hätte Figl einen Text autorisieren sollen, den er vor Jahren selbst diktiert hatte und der bereits publiziert war?


Marboe widerlegte die Darstellung Magenschabs nicht. Gegenüber Radio Niederösterreich sagte er, er habe Figl "einen Zettel" ins Studio gebracht.


Es wird wohl eine Kopie der drei Jahre zuvor publizierten "Weihnachtsbotschaft" gewesen sein.

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Am 24. Dezember dieses Jahres hat die "Krone" in einem Faktencheck aufgeklärt, wie es wirklich war. Vielleicht trägt der Bericht von Paul Vecsei dazu bei, dass die Zeitungsente in Zukunft weniger oft auftaucht. Dachte ich mir. Aber Mythen sind langlebig, vor allem wenn sie aus einem melodramatischen Umfeld daherkommen.


Drei Tage später erschien in der "Krone" ein Leserbrief, beginnend mit den Worten "Als 1945 Österreich in Schutt und Asche lag (...) hat Bundeskanzler Figl die legendäre Rede gehalten ..." Darüber ein Foto des Bundespressedienstes: Figl am Rednerpult vor Beamten des Bundeskanzleramtes, daneben ein Christbaum. Wie wenn das ein Beweis wäre, dass Figls Rede "Ich kann Euch zu Weihnachten nichts geben ..." damals gehalten wurde. Die berühmten Worte hatten allerdings den Charakter einer "Rede an die Nation", nicht einer Ansprache vor der versammelten Beamtenschaft. 


Der Verantwortliche für die Leserbriefseite hat unter das Foto folgenden Bildtext gestellt: "Dr. P. K. erinnert in seinem Leserbrief an die berühmte Weihnachtsansprache von Leopold Figl." 


Der Mythos lebt.    

 
 
 

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1 Kommentar


Prof. Stefan
31. Dez. 2025

Danke für diesen Beitrag. Ich hörte vor drei, vier Jahren Teddy Podogorski im ORF Fernsehen die Geschichte erzählen (wohl eine ältere Aufnahme auf ORF III), dass er die Rede für Figl zu rekonstruieren versucht hatte, sie ihm zur Korrektur vorlas oder vorlag und Figl darauf, statt zu korrigieren, nur sagte: "genauso war's" und sie dann so einlas.


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