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"Nur ned hudeln!" Der österreichische Leitspruch für Entschleunigung

Autorenbild: Robert Sedlaczek
Robert Sedlaczek
vor 1 Tag
3 Min. Lesezeit

In einer Welt, die ständig schneller und hektischer wird, ist Entschleunigung lebensnotwendig: einen Gang herunterschalten, das Handy stumm stellen, ziellos durch einen Park, durch den Wald, schlendern oder einfach nichts tun. Wir, vor allem wir, vielleicht auch noch die Bayern, mit denen wir sprachlich einiges gemeinsam haben, besitzen dafür einen Ausdruck:


Nur ned hudeln! 


Neulich habe ich, zu meiner Überraschung, den Satz auf einer Tafel in der Altstadt von Rhodos gesehen. Ganz klar: Die Geschäftsbesitzer wollten damit die Deutschsprachigen unter den vorbeiziehenden Touristen anlocken, mit ihnen ins Gespräch kommen und ihnen Tücher verkaufen.


Schild in einem Geschäft in Rhodos; Thanasis ist die Kurzform von Athanasios, "Der Unsterbliche"; die zwei Hirsche sind das Symbol der Stadt (c) Robert Sedlaczek
Schild in einem Geschäft in Rhodos; Thanasis ist die Kurzform von Athanasios, "Der Unsterbliche"; die zwei Hirsche sind das Symbol der Stadt (c) Robert Sedlaczek

So werde ich auf einer griechischen Insel daran erinnert, dass hudeln österreichisch ist. Andernorts wird das Zeitwort hudeln anders verwendet. Auf duden.at steht unter hudeln: 


1. bei einer bestimmten Arbeit zu schnell und dadurch unsorgfältig sein. Beispiel: die Handwerker haben gehudelt. 


2. schlecht behandeln, zurückweisen. Beispiel: jemanden hudeln.


So reden wir nicht.


Nur in einem Kasten zu Bedeutung 1 ist unsere schöne Wendung vermerkt: "Nur ned hudeln: Nur langsam! Nichts überstürzen!"


Wie passt das zusammen, die Kritik an einer schlecht gemachen Arbeit mit dem Wunsch nach Entschleunigung, mit dem Kampf gegen Hektik und Stress?


Das Herkunftswort ist Hudel: Putzlappen, wie die Deutschen sagen, Fetzen, wie wir sagen, ein dickes Tuch zum Aufwischen von Tisch oder Boden, es kann nach häufigem Gebrauch ein wenig zerfetzt sein. Zer-fetzt!


Vielleicht steckt folgender Gedanke dahinter: Wer zu schnell arbeitet, arbeitet fehlerhaft. Dann lieber langsam arbeiten, pomali, wie der Wiener mit Rückgriff auf das Tschechische sagt. So könnte es gewesen sein: "Ich lasse mich nicht in eine unnötige Eile hineintreiben, es wäre nicht gut für dich."


Was nicht im Internet-Duden steht: "Vom Hudeln kommen schiache Kinder." 


Ich interpretiere die bekannte Redewendung so: Auch eine sexuelle Beziehung solltest du langsam und überlegt angehen. Sonst gibt es später Probleme mit den Gschrappen. Sie werden schiach sein, und es geht dich der Schiach an.


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Gschråpp, der; -en, -en (gespr. Gschrǫpp); Vkl. Gschrap|perl, das; -s, -n [verw. mit norddt.

schrappen = kratzen, schaben (wodurch ein kleiner Brocken entsteht); in Tirol bedeutet

Gschrapp so viel wie zerbröckelndes Gestein; Hornung 2002 geht daher von der Grundbed.

kleiner Brocken aus]: 1. kleines Kind: „Ein echter Wiener“, 13, „Großvater“: Mundl:

„Gschråppen san Weibersåch’!“ ǁ Ostbahn-Kurti, „Echt super“: „Glühst an mia vuabei in

dein Mercedes-Benz, / vua deina Villa woat a zweita, / dass jeda siecht: uhh, bei den

rennts. / Die Gattin is beim Tennis und de Gschroppn in da Schui, / kummst ham, des

Haus is laa, schaust ausse auf dein laan Swimmingpool.“ 2. klein gewachsenes Kind.


pomali〈indekl. Adj.〉(gespr. bomali) [tschech. pomalý = langsam; Schmeller 1872 ff. vermerkt auch po malo als Ausspruch der böhmischen und slawonischen Soldaten] (Sonnleithner 1824, Castelli 1847, Jakob 1929): langsam, gemütlich, bequem: wir gehen es pomali an; immer schön pomali (= langsam, nur nichts überstürzen).


schịach, schirch, schiech〈Adj.〉(gespr. schịach) [mhd. schiech, urspr.: scheu, verzagt,

abschreckend, scheußlich; da das Verständnis für den Diphthong -ie- verloren geht, ist oft

die lautbezogene Schreibung schiach anzutreffen; als Schriftform bietet sich auch schirch an

(ähnl. wie Lurch zu mhd. luoch)] (Zehetner 205) (auch bair.): 1. hässlich, abscheulich:

a schiachs Haus, a schiachs Wetter, a schiaches Madl, a schiache Godl (= eine hässliche

Frau) v schiach wie die Nåcht/wia da Zins sein: besonders hässlich sein 2. zornig,

wütend: wånnst ned glei dei Zimmer auframst, wiri schiach ǁ Nestroy, „Das Mädl aus der Vorstadt“, 42/1: „Is er vielleicht recht schiech?“ – „Schiech, unendlich schiech über sein Schicksal.“ (Wortspiel zwischen Bed. 1 und Bed. 2).


Schịach, verschriftlicht oft als Schịrch, der; kein Gen., kein Pl.: Grausen, Furcht, Angst; mich geht der Schiach ån ( Jakob 1929): mich erfasst das Grausen: „Lisas kriminelles

Motiv scheint einigermaßen inkonsistent. Dann hat sie noch den Laptop des Ich-Erzählers

entwendet, dafür aber ein Taschentuch in der Wohnung hinterlassen. Kein Wunder, dass

den Mann der Schiach angeht.“ (Buchrezension auf fm4v3.orf.at, 7. Feb. 2011).


Aus: Robert Sedlaczek: "Das große Wörterbuch des Wienerischen. Die Herkunft der Wörter und ihre richtige Aussprache. Mit mehr als 10.000 Stichwörtern und zahlreichen Belegstellen", Michael Wagner Verlag, Innsbruck 2023.

 
 
 

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