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Roland Weißmann versus Gerd Bacher: The Times They Are A-changin

  • Autorenbild: Robert Sedlaczek
    Robert Sedlaczek
  • vor 3 Stunden
  • 2 Min. Lesezeit

Die Me Too-Bewegung ist ein gesellschaftlicher Fortschritt. Was früher unter den Teppich gekehrt wurde, führt seit 2017, als die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein bekannt wurden, zu einer öffentlichen Debatte, und auch zu Konsequenzen.


Einst bezeichnete ORF-General Gerd Bacher die weiblichen Angestellten des ORF als "Trutschen, Pritschen und Mentscher, die ihre Prüfungen besser im Bett als im Büro machen." Mit den drei Ausdrücken hat jeder Dialektforscher, der auf der Suche nach Belegen ist, eine Freude. Auch ich ...



Trutschen geht vermutlich auf den Vornamen Trude zurück, unter Einfluss von mittelhochdeutsch trutschel = "kokette Gebärde" und trute = "Geliebte".


Die Etymologie von Britschen lässt sich ebenfalls bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Mittelhochdeutsch britze, birtsche bedeutete "Vulva". Aus dieser Bedeutung entwickelte sich "klatschsüchtige Frau" und - wie man früher sagte: "liederliche Weibsperson, Frau mit schlechtem Ruf"; gemeint waren Frauen, die mit verschiedenen Männern Sexualkontakt hatten oder oft den Partner wechselten. Das Wort ist nicht verwandt mit Pritsche, eine "einfache Liegestatt aus Holz", wird aber volksetymologisch damit häufig in Verbindung gebracht. Dies führt auch zu der falschen Schreibung Pritschen.


Das Mensch, Plural die Menscher oder die Mentscher, bedeutete ursprünglich Magd, dann Mädchen, Tochter - ohne negativen Beiklang. Auf dem Land wird das Wort noch heute liebevoll verwendet. Später kam jene Bedeutung hinzu, die der Ausdruck Britschen hat: Frauen mit wechselnden Partnerschaften sind moralisch verwerflich. Die Etymologie zeigt, wie neutrale Ausdrücke von den männlichen Sprechern zu Schimpfwörtern umgepolt werden. Nach dem gleichen Muster ist Dirne, früher "Mädchen", "Jungfrau", dann "weiblicher Dienstbote niedrigsten Ranges", ein abwertender Ausdruck für "Sexarbeiterin" geworden.


Die Aussagen Bachers wurden nicht nur in den Zeitungen, sondern auch in einer Nationalratssitzung zitiert und kritisiert, blieben aber ohne Konsequenzen.



Der SPÖ-Parteivorsitzende Bruno Pittermann in der Nationalratssitzung vom 1. Dezember 1969, Stenografisches Protokoll der 159. Sitzung, Seite 8.
Der SPÖ-Parteivorsitzende Bruno Pittermann in der Nationalratssitzung vom 1. Dezember 1969, Stenografisches Protokoll der 159. Sitzung, Seite 8.

Daneben gäbe es noch einige andere Geschichten über Gerd Bacher zu erzählen, die aber für die Dialektforschung nicht relevant sind.


Heute wird der ORF-General Roland Weißmann damit verteidigt, dass er Opfer einer Intrige gewesen sei. Eine klassische Täter-Opfer-Umkehr. Aber selbst wenn es eine Intrige gewesen sein sollte: Es war ein aufgelegter Elfmeter.

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Siehe auch "Die Weißmann-Chats" auf falter.at.

Die Etymologien stammen aus meinem "Großen Wörterbuch des Wienerischen. Die Herkunft der Wörter und ihre richtige Aussprache. Mit mehr als 10.000 Stichwörtern und zahlreichen Belegstellen", Michael Wagner Verlag, Innsbruck, 2023.


 
 
 

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