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Was sind "normal denkende Menschen", was ist "präfaschistoid" und wer sind "unsere Leut'"?

Aktualisiert: 18. Juli 2023

Aussagen von Johanna Mikl-Leitner, Werner Kogler und Andreas Babler auf dem Prüfstand


Wortmeldungen von Politikern werden oft auf die Goldwaage gelegt - das ist gut so. Ihre Aussagen werden in den Medien weit gestreut, von vielen Parteigängern aufgegriffen, sind oft auch meinungsbildend.


In den letzten Tagen sind Politiker kritisiert worden, weil sie eine lockere Phrase verwendet haben: die Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner, der grüne Vizekanzler Werner Kogler und der SPÖ-Chef Andreas Babler. Wurden sie zu Recht kritisiert?


Mikl-Leitner und "die normal denkende Mitte der Gesellschaft"


Beginnen wir mit Mikl-Leitner. Für die normal denkende Mitte der Gesellschaft habe eine Frage wie das Gendern keine Priorität. "Die Mitte sagt: Findet eine pragmatische, einheitliche Regelung und beschäftigt euch mit den wichtigen Themen.“


Kogler bezeichnete via "Profil" Mikl-Leitners Wortwahl von "normal denkenden Menschen" als "brandgefährlich und darüber hinaus präfaschistoid". (Sie hat nicht "normal denkende Menschen" gesagt, sie sprach von einer "normal denkenden Mitte".) Und Kogler weiter: "Eine derartige Herangehensweise ist das Einfallstor für das Böse in der Welt, um in der Diktion der katholischen ÖVP zu sprechen." Die Kirche habe es einmal "als normal empfunden, Frauen zu verbrennen". Es gehe in der Demokratie um Mehrheiten – aber auch Minderheiten müssten geschützt werden.


Niederösterreichs Landeschefin legte in einer der APA übermittelten Stellungnahme noch ein Schäuferl nach. Sie wolle in einer Zeit, in der die politischen Ränder zunehmend radikaler werden, "der schweigenden Mehrheit der normaldenkenden Menschen" Gehör verschaffen. Gleichzeitig forderte sie erneut eine Verschärfung der Rechtslage für Klima-Aktivisten.


Mit dem Adjektiv normal meint man: der Norm entsprechend, vorschriftsmäßig, gewöhnlich, allgemein üblich, durchschnittlich, geistig gesund, nach lat. nōrmālis = nach dem Winkelmaß gemacht. Vor allem die letzte Bedeutung, geistig gesund, führt dazu, dass das Wort einen fragwürdigen Beigeschmack bekommt. Man denke an das Gegensatzpaar normal und abnormal. Im konkreten Beispiel werden also die Kleber zu den "Abnormalen" gerechnet. Im Übrigen ist mir nicht bekannt, dass sich in St. Pölten, Krems oder Klosterneuburg die Klima-Aktivisten in großer Zahl am Asphalt festgeklebt und die zur Arbeit Fahrenden behindert hätten.


Es gibt auch den Ausdruck Normalbürger, das ist ein Durchschnittsmensch, der viel zitierte Otto Normalverbraucher. In der Jugendsprache ist Normalo negativ besetzt: jemand, der in seiner äußeren Erscheinung, seinem Verhalten, seinen Einstellungen oder Ähnlichem den allgemeinen Vorstellungen, Erwartungen entspricht, nicht auffällt. Oft schwingt bei Jugendlichen auch die Bedeutung mit, dass es sich um eine spießige, altvaterische Person handelt.


Ich meine: Wer die FPÖ in die Landesregierung geholt hat und mit ihr an einem Tisch sitzt, sollte in seinen Aussagen besonders sprachsensibel sein. Die Verfechter des Genderns und die radikalen Klima-Aktivisten verklausuliert als abnormal zu bezeichnen, ist nicht fein. Daher mein Urteil zu den Aussagen Mikl-Leitners:


o geht gar nicht

o geht eher nicht

o geht nur halbwegs

o geht


Werner Kofler und das Attribut "präfaschistoid"


Nun zu den Formulierungen Werner Koglers, sie sind wohlüberlegt in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Profil" gefallen, in der Nummer 28 vom 9. Juli 2023; derartige Interviews werden mündlich geführt, dann verschriftlicht und der Interviewte erhält den Text zur Freigabe.

Mit "faschistoid" werden Eigenschaften oder Haltungen bezeichnet, die dem Faschismus ähnlich sind oder faschistische Züge tragen, jedoch nicht deckungsgleich sind. Dieses Wort ist auseinanderzuhalten von "präfaschistisch" - so werden Vorläuferideologien des Faschismus genannt. Wenn Werner Kogler "präfaschistoid" sagt, so ist zunächst festzuhalten, dass dies kein anerkannter Begriff der Geschichtswissenschaft ist, es handelt sich um ein ad-hoc gebildetes Wort für eine politische Polemik.

Ich meine: Was die NÖ-Landeschefin sagte, war nicht "faschistoid", nicht "präfaschistisch" und nicht "präfaschistoid"; man sollte dem Begriff Faschismus - und all seinen Varianten - nicht die Schärfe nehmen, indem man ihn sorglos und inflationär verwendet. Der Vergleich mit den Hexenverbrennungen ist ebenfalls inakzeptabel; die Hexenverbrennungen wurden von weltlichen Gerichten angeordnet, die Inquisition spielte nur eine untergeordnete Rolle; dass die Kirche für die Durchführung der Hexenprozesse verantwortlich gewesen sei, ist historisch widerlegt. Daher:


o geht gar nicht

o geht eher nicht

o geht nur halbwegs

o geht


Andreas Babler und "unsere Leute"


Hans Rauscher fragte sich im "Standard": Wer sind Bablers unsere Leute? Denn der SPÖ-Chef tourt mit diesem Slogan durchs Land. Aus Gmunden twittert Babler: "Der ASKÖ ermöglicht die Nutzung des Traunsees auch unseren Leuten, die nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurden." Babler meinte damit die Einkommensschwächeren, die Abgehängten, die Zukurzgekommenen und jene, die nichts geerbt haben (keine "goldenen Löffel" - eine Übertreibung gegenüber den häufiger zu hörenden "silbernen Löffeln"). Der Hintergrund ist klar: Babler will, auf dass die SPÖ wieder groß wird, die "kleinen Leute" zurückholen – jene, die aus Frust gar nicht mehr wählen, und auch manche von denen, die FPÖ wählen.


Unsere Leute hat aber auch eine andere Bedeutung; damit werden jene bezeichnet, die "unserer Gesinnungsgemeinschaft" angehören. Er ist einer von uns heißt beispielsweise in der SPÖ "er ist Parteimitglied bei uns". Das kann wohl in diesem Fall nicht gemeint sein.


Unter Juden hat für unsere Leute eine ähnliche Bedeutung. Um die Wende zum 20. Jahrhundert erschienen in Wien kleine Hefte mit Anekdoten, teilweise zweideutigen Witzen und Ähnlichem, gesammelt von jüdischen Autoren; sie trugen Titel wie "500 Lozelech, Maisses, koschere Schmonzes, pickfeine Schmüs für ünsere Leut". Die Publikationen waren billig, sie wurden in großen Stückzahlen gedruckt und verkauft.


Rauscher setzt fort: "Aber groß, richtig groß ist die SPÖ erst geworden, als sie in die Aufsteigerschichten hineinwirkte. Die Arbeiterklasse ist kleiner geworden, viele Arbeitnehmer gehören inzwischen zur Mittelschicht. Kreisky und Vranitzky sprachen sogar die liberale, obere Mittelschicht an – und holten sich von dort Personal, um Institutionen zu besetzen."

Bablers "unsere Leut" ist also nicht nur irreführend – es könnten damit ausschließlich die sozialdemokratischen Parteimitglieder gemeint sein – , sondern auch aus taktischer Sicht fragwürdig. Daher mein Resümee:


o geht gar nicht

o geht eher nicht

o geht nur halbwegs

o geht


Das ist meine persönliche Meinung. Andere Meinungen sind willkommen.



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