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Weihnachten beschert uns eine Rechtschreibreform

Durch die Diskussion über das Gendern ist ein anderes wichtiges Ergebnis der letzten Sitzung des Rates für deutsche Rechtschreibung medial untergegangen. Die Vertreter aus den deutschsprachigen Ländern haben am 14. Juli in Eupen, Belgien, ein vollständig neu erarbeitetes Amtliches Wörterverzeichnis beschlossen – „mit daraus folgenden umfangreichen Anpassungen des Amtlichen Regelwerks“.


Die vorgeschlagenen Änderungen sind keine Kleinigkeiten. In der Folge eine Zusammenfassung, basierend auf einer Presserklärung des Rechtschreibrates und einer Aussendung des Österreichischen Bundesverlags, der das Österreichische Wörterbuch erstellt und herausgibt.


o Das Wörterverzeichnis wurde umfassend aktualisiert: So wurden zahlreiche neue Fremdwörter vor allem aus dem Englischen in das Wörterverzeichnis aufgenommen: timen, mailen, whatsappen, Fake News / Fakenews / Fake-New etc.


o Der Regelteil wurde durch Anpassungen und Präzisierungen geändert. Dies betrifft vor allem die Getrennt- und Zusammenschreibung, die Schreibung mit Bindestrich sowie die Groß- und Kleinschreibung (Last-minute-Angebot/Last-Minute-Angebot).


o Neue Tendenzen des Schreibwandels wurden durch Schreibvarianten und aktuelle Anwendungsbeispiele deutlich gemacht (faken, fakte, gefakt/gefaked, aber nur gefakte Nachrichten).


o Das Kapitel Zeichensetzung wurde auf der Basis sprachwissenschaftlicher und didaktischer Erkenntnisse vollständig neu erarbeitet.


o Die Schreibweise der Wörter, die bisher sowohl mit ph als auch mit f geschrieben werden konnten, wird geändert. Bei Begriffen, die nicht fachsprachlich verwendet werden, wird in Zukunft ausschließlich das f verwendet. So ist die Schreibweise des Worts "Geographie" nicht mehr zulässig sein, sondern nur die Schreibweise "Geografie". Wörter, die fachsprachlich verwendet werden, können weiterhin auf beide Weisen geschrieben werden.


o Ursprünglich englische Wörter, die aus zusammengesetzten Wörtern bestehen, werden in Zukunft entweder mit Bindestrich oder zusammengeschrieben. Das bedeutet, dass der englische Ausdruck work life balance nun mit Bindestrichen, work-life-balance, oder worklifebalance geschrieben werden kann. So ist die Rechtschreibung für deutsche Wörter schon längst geregelt, in Zukunft soll dies auch für Anglizismen gelten.


Beschlussfassung voraussichtlich am 15. Dezember im Rechtschreibrat


Was sind die nächsten Schritte? Die Neufassungen und Änderungen werden den staatlichen Stellen der deutschsprachigen Länder vorgelegt. Sie erhalten durch deren Beschlüsse Bindung für Schule und Verwaltung. Vor der Vorlage an die staatlichen Stellen wird der Rat die Änderungen zur Anhörung Vertretern der Schulen, insbesondere Lehrer- und Elternvertretungen, sowie den für die Verwaltungssprache zuständigen Behörden Gelegenheit zur Stellungnahme geben.


Nach der Anhörung, die bis etwa Mitte Oktober laufen wird, werden die Anregungen ausgewertet und die daraus sich ergebenden Änderungen von Regelwerk und Wörterverzeichnis in der letzten Sitzung dieser Amtsperiode des Rats am 15. Dezember beschlossen.


Die Vorschläge haben Konfliktpotential


Eine Änderung der Schreibregeln hat in der Vergangenheit immer zu Diskussionen geführt, somit ist anzunehmen, dass auch die kommende Rechtschreibreform ein Konfliktpotential in sich birgt. Wie die Konfliktlinien verlaufen werden, ist vorhersehbar.


Einerseits müssen jene Ausdrücke aus dem Englischen, die in die deutsche Sprache Einzug gehalten haben, d. h. massiv verwendet werden, geregelt sein. Das Österreichische Wörterbuch wird mit Anfragen von Lehrern, Eltern, Behördenvertretern, aber auch privaten Unternehmen überhäuft, wie man die neuen Ausdrücke richtig schreibt.


Anderseits werden Gegner der Anglizismen den Vorwurf erheben, dass dadurch englische Ausdrücke unnötig rasch ins Deutsche integriert werden, womit sich deren Akzeptanz erhöht. Der Rat beruft sich schon vorsorglich darauf, dass er die Schreibgewohnheiten analysiert und lediglich auf erkennbare Veränderungen reagiert. Brauchen wir im Deutschen Verben wie whatsappen? Bei Schreibungen wie worklifebalance entsteht wiederum eine merkwürdige Spannung zwischen der deutlich sichtbaren Wortherkunft aus dem Englischen und der im Deutschen üblichen Zusammenschreibung. Und genau genommen ist work life balance das, was wir Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf oder Vereinbarkeit von Familie und Arbeit nennen. Hinzu kommt, dass durch die Zusammenschreibung worklifebalance ein schwer zu erfassendes Wortungetüm entsteht. Last-Minute-Angebot ist wiederum eine merkwürdige Schreibweise, weil nicht klar wird, ob ich "Minute" deutsch oder englisch aussprechen soll. Aber wahrscheinlich sind diese Beispiele schlecht gewählt, andere Wörter würden sich wahrscheinlich besser dafür eigenen, die geplanten Neuerungen zu illustrieren.


Die obligatorische Schreibung von Fremdwörtern mit f statt ph bei gängigen Wörtern wird wohl in nicht wenigen Fällen zu Unsicherheiten führen: Welche Wörter werden fachsprachlich verwendet, welche nicht? Wie kann ich das wissen?


Ist der Genderstern ein Sonderzeichen?


Nicht zuletzt wird der ebenfalls am 14. Juli beschlossene "Ergänzungspassus Sonderzeichen" für Diskussionsstoff sorgen. Klassische Sonderzeichen sind §, % und &. Sie gehören nicht zu den Satz- oder Wortzeichen und daher auch nicht zur Interpunktion im engeren Sinne. Sie sind durch einen eindeutigen formalen Status, etwa eine vordefinierte Stellung im Satz, in einer Auflistung u. a. gekennzeichnet - so z. B. § vor der Paragrafenziffer (§ 2 mit anschließender Anführung des Gesetzes oder Vertrages).


"Zunehmend werden bei Personenbezeichnungen orthografische Zeichen wie der Doppelpunkt (:) – allerdings ohne ein folgendes Leerzeichen (Bürger:innen) – oder Sonderzeichen wie Asterisk (*), Unterstrich (_) oder andere Zeichen im Wortinneren verwendet", schreibt der Rat und fügt hinzu: "Diese Wortbinnenzeichen gehören nicht zum Kernbestand der deutschen Orthografie. Sie sollen eine über die formalsprachliche Funktion hinausgehende metasprachliche Bedeutung zur Kennzeichnung aller Geschlechtsidentitäten – männlich, weiblich, divers – vermitteln: die Schüler:innen, die Kolleg*innen. Sie gehen damit über Verkürzungsformen wie Bürger/-innen, die vom Amtlichen Regelwerk bereits erfasst werden, hinaus."


Die Wortbinnenzeichen zur Kennzeichnung einer geschlechterübergreifenden Bedeutung würden allerdings "auf die orthografisch korrekte Schreibung von Wörtern unmittelbar einwirken". Diese Eigenschaft würden sie, so der Rechtschreibrat, mit einigen Satz- bzw. Wortzeichen (wortinterne Klammern, Apostroph, Bindestrich, Anführungszeichen) teilen, deren wortinterne Verwendung im Amtlichen Regelwerk beschrieben wird.


"Bei den Sonderzeichen mit Geschlechterbezug soll jedoch eine metasprachliche Bedeutung transportiert werden. Ihre Setzung kann in verschiedenen Fällen zu grammatischen Folgeproblemen führen, die noch nicht geklärt sind, zum Beispiel in syntaktischen Zusammenhängen zur Mehrfachnennung von Artikeln oder Pronomen (der*die Präsident*in)." Es folgt jene Klausel, mit welcher der Rat auch in der Vergangenheit Kritiker beider Lager beschwichtigt hat: "Die Entwicklung des Gesamtbereichs ist noch nicht abgeschlossen und wird vom Rat für deutsche Rechtschreibung weiter beobachtet werden."


Aus den Formulierungen ist zu erkennen, dass die Textierung ein Kompromiss war - man muss wohl davon ausgehen, dass die Wortbinnenzeichen bereits eine Realität sind, sie können nicht negiert werden. Also muss man aussprechen, dass es sie gibt, und einordnen.


Peter Eisenberg, ein durchaus konfliktfreudiges Mitglied des Rates - er hatte an der Universität Potsdam mit dem Schwerpunkt Grammatik der deutschen Sprache gelehrt - meinte in der Frankfurter Allgemeine-Zeitung vom 17. August: "Wozu wird ein Passus ins amtliche Regelwerk eingefügt, der keinerlei Regelkraft hat, sondern nur beschreiben soll, was eine Gruppe von Ratsmitgliedern unter einer Gruppe von sprachfremden Symbolen verstehen möchte?"


Eisenberg ist wohl gegen die Aufnahme von Genderstern, Genderdoppelpunkt etc. in die Gruppe der Sonderzeichen, er fürchtet, dass dies einer schleichenden Einführung des Genderns ins Regelwerk gleichkommt. Allerdings wurde der kompromiss-orientierte "Ergänzungspassus Sonderzeichen" im Rat einstimmig beschlossen, also auch mit seiner Stimme.


Ich finde: Es ist gut, wenn über die Sprache diskutiert wird, ich warte mit Spannung vor allem auf das neue Amtliche Wörterverzeichnis. Zur Beruhigung der Diskussion: Man sollte immer daran denken, dass die quasi amtlichen Schreibregeln keinen Einfluss auf die private Kommunikation per SMS, Mail, WhatsApp etc. haben. Außerdem geht es nur um die Schriftlichkeit, nicht um die gesprochene Sprache in unserem Alltag, und das ist wohl bei allen von uns der größte Teil der Kommunikation, auch bei Journalisten, ja sogar bei Bloggern.











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Én kommentar


ulrike.grossmann
23. aug. 2023

:ieber Herr Dr. Sedlaczek, die eine oder andere Änderung finde ich tatsächlich verwirrend, insbesondere z.B. das ph/f und die Einordnung in fachspezifische Ausdrücke. Aber eigentlich ist das ohnehin alles egal da die deutsche Sprache (in unserem Fall die österreichische) leider ja ohnehin "verkommt". Private Mails udgl. sind das kleinste Problem, wenn ich heute eine Tageszeitung in die Hand nehme, finde ich genügend Fehler und das auch bereits VOR der neuen Rechtschreibung. Die Wiener Zeitung war da eine rühmliche Ausnahme, ich habe sehr selten etwas entdeckt, was ich in Frage hätte stellen können. Liebe Grüße Ulrike Großmann

Lik
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