Dialekt als Zweitsprache fordert das Gehirn heraus - geeignete "Lehrmittel" von H. C. Artmann, Ernst Molden, Felix Mitterer etc.
- Robert Sedlaczek

- 22. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Dialekte unterscheiden sich von der Standardsprache nicht nur durch die Aussprache und den Wortschatz, sie haben auch eine eigene Grammatik. So gesehen sind sie wie eine eigene Sprache. Sie sind maßgeschneidert für die Alltagskommunikation - und besonders nuancenreich, wenn es um die Bereiche "essen", "trinken", "lieben", "weinen", "fortbewegen" geht - oder um "aggressiv reden, handgreiflich werden etc."; letzteres wird oft fälschlich als Kern des Dialekts angesehen und amüsiert so manchen Nicht-Dialektsprecher der Bürgerschicht. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist dies nur ein kleiner Teil vom Ganzen - auch besonders schöne Liebesgedichte und -lieder sind im Dialekt verfasst.
Der Dialekt ist die Sprache der Nähe, der Standard die Sprache der Distanz. Wer beide Varietäten beherrscht, ist kommunikativ im Vorteil. So weit, so gut. Hinzu kommt jetzt zugunsten der Dialekte ein weiteres, ein neues Argument.
Schon längst ist wissenschaftlich erwiesen: Fremde Sprachen zu lernen, fordert das Gehirn heraus – und hält es fit. Jetzt hat ein deutsches Forschungsteam herausgefunden: Das gilt auch für Dialekte.
Das Wienerische, das Kärntnerische, das Tirolerische leisten also in dieser Hinsicht dasselbe wie das Englische, das Französische etc. Es ist egal, welche Zweitsprache Sie Ihrem Kind beibringen - wenn man die Entwicklung im Gehirn als Maßstab nimmt. Denn beides, Zweisprachigkeit oder das Beherrschen eines Dialekts neben dem Standarddeutschen, wirken sich positiv auf das sprachverarbeitende Netzwerk aus.

Das hat ein interdisziplinäres Forschungsteam der Philipps-Universität Marburg herausgefunden. "Es ist bekannt, dass der frühe Erwerb einer zwei- oder mehrsprachigen Kompetenz dazu führt, dass bestimmte Bereiche des sprachverarbeitenden Gehirnnetzwerks stärker ausgebaut sind als bei einsprachig sozialisierten Personen", so erklärt es der deutsche Germanist Jürgen Erich Schmidt; er war früher u. a. Direktor des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas und Professor an der Universität Marburg. "Wir wollten der Frage nachgehen, welche Rolle die Dialektbeherrschung in diesem Zusammenhang spielt."
Wer neben Standard auch Dialekt spricht, ist de facto zweisprachig
Kinder, die mit einem Basisdialekt aufwachsen und zugleich mit der medial omnipräsenten deutschen Standardsprache, verfügen über eine bivarietäre beziehungsweise bilektale Kompetenz. Diese zwei Ausdrücke klingen kompliziert, sind aber leicht zu erklären.
Bivarietär bedeutet dabei, dass eine zweite, spezifische Ausprägung einer Sprache vorhanden ist, und bilektal, dass sie fließend beherrscht wird und die Kinder jederzeit hin- und herwechseln können. Das lässt sich im Gehirn nachweisen - in den gleichen Bereichen, die auch bei Bilingualismus ausgeprägt sind, also bei Kenntnis zweier unterschiedlicher Sprachen.
Dafür haben die Forscher 26 dialekt-kompetente Personen aus der nördlichen Hälfte Hessens mit 23 nur im Standarddeutschen sozialisierten Personen verglichen. Das ist zwar eine kleine Zahl, aber das Team schaute dafür mittels Computertomographie tief in die Hirnstrukturen.
Der Blick wurde deswegen auf Nordhessen gerichtet, weil sich die dortigen Dialekte durch eigenständige Sprachstrukturen auszeichnen, "die sich von der Standardsprache unterscheiden und von 'einsprachigen' Deutschen nicht verstanden werden", wie es in der Mitteilung der Universität heißt.
Das wichtigste Ergebnis der Studie ist, laut Hauptautor Matthias Scharinger, Universitätsprofessor für Phonetik in Marburg, "dass sich die Hirnstruktur von Bilektalen, also Menschen, die einen Dialekt und das Standarddeutsche beherrschen, in bestimmten Teilen des sprachverarbeitenden Netzwerks signifikant in Dicke und Volumen im Vergleich zu nur Standarddeutsch Sprechenden unterscheidet.
"Größere Dicke der Hirnrinde (Cortex), mehr graue Substanz (Substantia grisea) – das bedeutet vereinfacht gesagt, mehr Nervenzellen und dichtere neuronale Netzwerke. Die von den Forschern gemessenen höheren Werte entsprachen dabei solchen, die auch bei zwei- und mehrsprachigen Personen festgestellt werden konnten. Diese positiven Effekte können durch Lernen erzielt werden, erklärt Scharinger. Denn die Studie habe bestätigt, "dass die Unterschiede zwischen den Dialekt- und Nicht-Dialektsprechern in der Tat auf Übung und Training im Dialekt zurückgehen".

Fazit: Wenn Kindern ein Basisdialekt quasi in die Wiege gelegt wurde, sollte ihnen dieser bei Erlernung der Standardsprache nicht ausgetrieben werden. Solange es keine Dialektkurse für Erwachsene an den Volkshochulen gibt, hilft auch das Selbstlernen - zum Beispiel mit den Asterix-Dialektbänden. Dialekte sind keine minderwertige Sprachvarietät verglichen mit der Standardsprache, sie enthalten uralte und erhaltenswerte Elemente unserer Sprache.
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Die Ergebnisse der Marburger Studie wurden in "Nature Scientific Reports" in englischer Sprache veröffentlicht und sind hier abrufbar. Ich folge in diesem Sprachblog über weite Strecken einem Beitrag des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), der Landesrundfunkanstalt für Sachsen-Anhalt sowie für die Freistaaten Sachsen und Thüringen.
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