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Die „Semmel(n)knödel(n)“ von Liesl Karlstadt und Karl Valentin: ein Lehrstück in Sachen Pluralbildung

  • Autorenbild: Robert Sedlaczek
    Robert Sedlaczek
  • vor 11 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit

Der Sketch ist legendär, das Publikum hat viel zu lachen und zu schmunzeln. Es geht im Grund genommen nur um ein "n" im Inneren eines Kompositums. Zur Erinnerung:

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Karl Valentin: Semmelnknödeln.

Liesl Karlstadt: Nein, man sagt schon von jeher Semmelknödeln.

Karl Valentin: Ja, zu einem - aber zu mehreren Semmelknödeln sagt man Semmelnknödeln.

Liesl Karlstadt: Aber wie tät man denn zu einem Dutzend Semmelknödeln sagen?

Karl Valentin: Auch Semmelnknödeln - Semmel ist die Einzahl, das musst Ihnen merken, aber Semmeln ist die Mehrzahl, das sind also mehrere einzelne zusammen. Die Semmelnknödeln werden aus Semmeln gemacht, also aus mehreren Semmeln, du kannst nie aus einer Semmel Semmelnknödeln machen.

Liesl Karlstadt: Machen kann man's schon.

Karl Valentin: Jaja, machen schon, aber wenn du aus einer Semmel zehn Semmelnknödeln machen tätst, dann würden die Semmelnknödeln so klein wie Mottekugeln. Dann würde das Wort Semmelknödeln schon stimmen. Weil s’ bloß aus einer Semmel sind. Aber solang die Semmelnknödeln aus mehreren Semmeln gemacht werden, sagt man unerbitterlich Semmelnknödeln.

(…)

Karl Valentin: Das Wichtigste ist das n zwischen Semmel und Knödeln.

Liesl Karlstadt: Ja, wie heißt es dann bei den Kartoffelknödeln?

Karl Valentin: Dasselbe: n. Kartoffelnknödeln.

Liesl Karlstadt: Und bei den Schinkenknödeln, ah …hahaha.

Karl Valentin: Da ist's genauso – da ist das n schon zwischendrinn', es gibt keine Knödeln ohne n.

Liesl Karlstadt: Doch, die Leberknödeln!

Karl Valentin: Ja stimmt, Lebernknödeln kann man nicht sagen.


Liesl Karlstadt und Karl Valentin (Wiki, Commons, unbekannter Fotograf)
Liesl Karlstadt und Karl Valentin (Wiki, Commons, unbekannter Fotograf)

Abgesehen von der Diskussion über das "n" in der Mitte des Kompositums: Viele werden sich über die Pluralform von Knödel wundern. Es sollte doch heißen: Einzahl: der Knödel, Mehrzahlt die Knödel. Nicht: die Knödeln!


Hier erweisen sich die zwei Münchner, Karlstadt und Valentin, als mundartgefärbte Sprecher des regionalen Sprachraumes Bayern/Österreich, und sie sind sich einer Meinung, verwenden ein Plural-n.


Knödel - im Standard männlich, in der Mundart sächlich


Knödel (anderswo auch Kloß genannt) ist de facto eine Verkleinerungsform von mittelhochdeutsch knote, ein Maskulinum mit der Bedeutung "Knoten an Fäden, Verdickung an Halmen". Im Standarddeutschen ist das maskuline Geschlecht erhalten geblieben, das Wort wird nicht mehr als Verkleinerung von Knoten empfunden. Daher im Standard: der Knödel, die Knödel.


In der Mundart wird hingegen Knödel noch als Verkleinerungsform verstanden. Daher in der Mundart: das Knödel, die Knödeln. Wie bei anderen Wörtern auf -l oder -erl: das Tischerl, die Tischerln.

 

Das Wort Semmel ist ein ganz anderer Fall

 

Im Mittelhochdeutschen war semel(e) die Bezeichnung für feinstes Weizenmehl und das daraus hergestellte kleine Gebäck. Herkunftswort war lateinisch simila, schon damals ein Femininum. An dem grammatikalischen Geschlecht gab es also nie etwa zu rütteln. Daher im Standard und in der Mundart: die Semmel, die Semmeln.


So gesehen bildet Karl Valentin eine korrekte Mehrzahlform. Aber es gibt einen Haken. Liesl Karlstadt behält dennoch die Oberhand.


Kein Plural bei Stoffbezeichnungen


Semmel ist in diesem Fall das Grundmaterial, wie Topfen (in Deutschland Quark) oder Grieß, und Stoffbezeichnungen werden im Singular gebraucht: Es geht also nicht darum, ob eine Semmel oder mehrere Semmeln verarbeitet wurden, das Grundmaterial sind Semmelwürfel, entweder fertig gekauft oder selbst geschnippelt, in Deutschland auch als Knödelbrot bezeichnet.

Mit der Schlusspointe "Lebernknödeln kann man nicht sagen" lässt sich Karl Valentin am Ende doch noch überzeugen: Er begreift Leber als eine Stoffbezeichnung.


Dabei gäbe es auch von diesem Wort einen Plural. Aber die Mehrzahlform Lebern verwenden nur die Fleischhauer/Fleischer/Metzger.


P.S.: Wussten Sie, dass Karl Valentin und Liesel Karlstadt mit Bertold Brecht gemeinsam auftraten und gemeinsam an einem Film arbeiteten? "Mysterien eines Frisiersalons" zählt zu den bedeutendsten Produkte der frühen deutschen Filmgeschichte. Nachzulesen auf der englischen Wikipedia. Der Titel "Lehrstück" erschien mit deshalb passend. Der Film ist auf Youtube abrufbar.

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