top of page

Rettet den Bindestrich! Und die "Hohe Warte"!

  • Autorenbild: Robert Sedlaczek
    Robert Sedlaczek
  • 5. Aug.
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Aug.

"Obwohl er niemandem etwas getan hat, geht es dem Bindestrich an den Kragen. Für Marketing-Abteilungen und PR-Agenturen ist er anscheinend zum Unding geworden." So beginnt Wolfgang Kralicek am 8. Juli im "Kurier" das Einserkastl, im hausinternen Jargon Ohrwaschl genannt.


Für Leser aus fremden Sprachräumen: Das Zeitwort einkasteln bedeutet in Süddeutschland und Österreich "mit einem Viereck umgeben", in diesem Fall ist ein Beitrag auf Seite eins einer Tageszeitung gemeint. Ohrwaschl ist ein österreichisch-bairischer Ausdruck für "Ohrmuschel" oder "Ohr" insgesamt, das Wort kommt von "wacheln", ursprünglich war es eine Bezeichnung für "Ohrläppchen". Die einspaltige Glosse mit nur rund 20 Zeilen findet sich im "Kurier" immer links unten im Eck, sie ist das linke Ohrläppchen der Seite.


Das nur so nebenbei. Es ist mir ein Bedürfnis, das Anliegen von Wolfgang Kralicek aufzugreifen. "Rapid spielt im Allianz Stadion (sein Vorgänger hatte sogar zwei Bindestriche: Gerhard-Hanappi-Stadion), (...) es gibt das Raimund Theater, das Max Reinhardt Seminar und – ja, ja – auch das KURIER Medienhaus."


(c) Mohamed Hassan; Pixaby
(c) Mohamed Hassan; Pixaby

Mir fallen weitere Beispiele ein. Die Touristen besuchen das Sigmund Freud Museum (nur die Webseite hat einen Bindestrich: freud-museum.at), die nationale Nachrichtenagentur nennt sich Austria Presse Agentur (APA). Rettet den Bindestrich!


Die Wettervorhersage kommt nun von GeoSphere Austria


Die frühere "Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik" (ZAMG) heißt nach der Fusion mit einer anderen Organisation neuerdings GeoSphere Austria - das sind gleich zwei Verstöße gegen die Prinzipien deutsche Sprache: Im Wortinneren gibt es im Deutschen keine Großbuchstaben, GeoSphere geht nicht. Außerdem müssen "GeoSphere" und "Austria" mit einem Bindestrich gekoppelt werden: Geosphere-Austria.


Ausgesprochen wird der Firmenname englisch: Dschio-sfia Austria. Man sieht, woher der Wind weht: Der Verzicht auf Bindestriche kommt aus dem Englischen bzw. Amerikanischen und gilt als pfiffig. Dort werden Wörter nebeneinander gestellt, ohne Bindestrich, zum Beispiel: Donald J. Trump Foundation.


Wolfgang Kralicek nennt einen weiteren Grund, warum der Bindestrich so unbeliebt ist: "Er will doch nur verbinden. Vielleicht ist ja genau das das Problem: Die sozialen Medien haben zu einer neuen Unverbindlichkeit geführt. Die Menschen wollen sich nicht mehr festlegen, stets offenbleiben für neue, noch bessere Optionen. Vielleicht geht es den Worten ja auch so."


Wie die "Hohe Warte" zu "Geosphere Austria" wurde


Geosphere wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom amerikanischen Philosophen Stephen Pearl Andrews geprägt, im Deutschen Geosphäre. Gemeint war die Gesamtheit der festen Erde, von der Lithosphäre bis zum Erdmittelpunkt. 


"Meteorologie" und "Geodynamik", abgekürzt zur Zentralanstalt (ZAMG), sind Schulwissen. Wer aber kann sich unter "Geosphere", gesprochen Dschios-fia, etwas vorstellen? Da hat eine Marketing-Abteilung oder eine PR-Agentur versagt.


Mein Freund Rudi hat per Mail bei "GeoSphere Austria" angefragt, warum sie jetzt so heißen. Die Antwort war lapidar: "Der Name 'GeoSphere Austria' ist gesetzlich verankert, und wurde im Rahmen des GeoSphere Austria-Errichtungsgesetz (https://www.parlament.gv.at/gegenstand/XXVII/I/1365) vom Nationalrat beschlossen. Mit freundlichen Grüßen von der Hohen Warte."

Soll heißen: Versagt hat die Politik. Aber den Namen haben sicher nicht die Nationalratsabgeordneten erfunden, die Verantwortliche von ZAMG werden schon mitgeredet haben.


Die Antwort der Pressedame ist auch aus einem anderen Grund bemerkenswert: "... im Rahmen des GeoSphere Austria-Errichtungsgesetz beschlossen ..." Das wäre Thema für eine weitere Glosse, und zwar über eine verlorene Genitiv-Endung.


Wie dem auch sei. Für mich heißt die Organisation weiterhin die Hohe Warte.


 
 
 

2 Kommentare


Erich Wallner
05. Aug.

Ad: "Im Wortinneren gibt es im Deutschen keine Großbuchstaben, GeoSphere geht nicht." Na ja, so ganz stimmt das auch nicht: BahnCard, ProSieben; Anti-Aging-Creme, Anti-Aggressions-Training; post-Brexit-Ära, post-COVID-Syndrom, Post-Its; Die Scheibe des PKWs war eingeschlagen.

Gefällt mir
Robert Sedlaczek
12. Aug.
Antwort an

Sehr geehrter Herr Wallner! Vielen Dank für Ihre Nachricht. Die Beispiele, die Sie nennen, sind durchwegs Firmenbezeichnungen, also keine Wörter der deutschen Sprache. Personenkraftwagen kürzt man üblicherweise so ab: Pkw. Das Genitiv-s ist nicht obligatorisch.

Gefällt mir
bottom of page