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Stelze mit Senf und Kren im Schweizerhaus - oder lieber Rohscheiben?

  • Autorenbild: Robert Sedlaczek
    Robert Sedlaczek
  • vor 6 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Das Schweizerhaus ist berühmt für seine Schweinsstelzen. Aber nicht alle kommen deswegen in das Lokal im Wiener Prater: Manche essen einen Teller Rohscheiben und trinken dazu das perfekt gezapfte Budweiser. Auch gut und obendrein billig.


Rohscheiben ist ein typisch wienerischer Ausdruck für Kartoffelchips. Wer das Wort auf duden.de eingibt, bekommt die Meldung: "Leider ergab Ihre Suchanfrage keine Treffer. Meinten Sie nachschreiben, durchschreiben oder Drehscheibe?"


Wikipedia ist in dieser Hinsicht besser drauf: "Kartoffelchips, kurz oft Chips, in der Schweiz auch Pommes-Chips, in (Ost-)Österreich früher, heute nur noch gelegentlich Rohscheiben genannt, sind scheibenförmige Snacks. Sie bestehen aus dünnen frittierten oder gebackenen Kartoffelscheiben." Na, bitte.


Das deutsche Lebensmittelunternehmen Lorenz, früher Balsen, bringt sogar ein Produkt mit der Bezeichnung Rohscheiben heraus. Es ist in vielen österreichischen Supermärkten erhältlich.


Ausschnitt eines Werbefotos für Rohscheiben (c) The Lorenz Bahlsen Snack World.
Ausschnitt eines Werbefotos für Rohscheiben (c) The Lorenz Bahlsen Snack World.

Auf der Webseite schweizerhaus.at liest man: "In den 1920er Jahren versuchte Karl Kolarik den Wienern gebackenen Fisch schmackhaft zu machen. Um zu testen, ob das Öl schon heiß genug zum Frittieren ist, hat der Koch immer ein Stück von einer Kartoffel ins Öl geschnitten. Irgendwann meinte Karl Kolarik: 'Schneiden wir doch die Erdäpfel etwas dünner, dann wissen wir die Temperatur genauso gut'. Aus dem wirtschaftlichen Gedanken wurde eine Innovation und schließlich eine Geschmackssensation, die sich bis heute größter Beliebtheit freut (sic): die Original Schweizerhaus Rohscheiben." 


Nach einer Legende soll der US-Besatzungssoldat Howard Morse Kelly von den Rohscheiben so begeistert gewesen sein, dass er die Idee nach Amerika mitnahm und dort mit Chips ein Imperium aufbaute. 


Erwiesen ist, dass der US-Major gemeinsam mit dem Österreicher Herbert Rast 1955 die "American Popcorn Company" gründete, die 1965 in die Kelly Ges.m.b.H. umbenannt und vom deutschen Knabbergebäck-Riesen Bahlsen übernommen wurde. Womit sich vielleicht ein Kreis schließt.


Der Name Schweizerhaus erinnert an den Baustil des ursprünglichen Gebäudes


1716 ist in dem Gebiet, das damals nur dem Hofstaat und seinen Gästen zugänglich war, eine "Schweizer Hütte" dokumentiert. Der Webseite des Schweizerhauses ist zu entnehmen, dass damals Schweizer Jagdtreiber die Herrschaften bewirteten. Vielleicht wurde danach die Jagdhütte benannt.


In den frühen 1840er Jahren errichtete van der Nüll ein neues Ausschankgebäude im Stil eines "Schweizerhauses", eine damals beliebte Architekturform. Gemeint ist ein vor allem außerhalb der Schweiz üblich gewesene Holzbaustil des Historismus, der in dekorativer Weise Stilelemente alpenländischer Bauernhäuser nachempfand. Meist wurde auf ein steinernes Erdgeschoß ein für die Schweiz charakteristischer Holzbau aufgesetzt. Damit sind wir bei des Pudels Kern.


Was auf der Webseite des Schweizerhauses nicht zu lesen ist: 1868 wurde eine "Schweizer Meierei" eröffnet. Von 1907 bis 1920 führte ein gewisser Jan Gabriel die Gaststätte, ehe Karl Kolarik das Lokal übernahm und zu einem kulinarischen Wahrzeichen Wiens machte.


Das Schweizerhaus nach 1900
Das Schweizerhaus nach 1900

In den letzten Kampfhandlungen 1945 wurde das Gebäude völlig zerstört. Heute präsentiert sich das Schweizerhaus als moderner Bau mit Schauküche, also nicht im Schweizerhaus-Stil.


Rohscheiben zum Selbermachen


Im Internet gibt es jede Menge Rezepte für Rohscheiben zum Selbermachen. Hier ist eines, das ich nachgekocht habe:

(1) Die Erdäpfel mit der Schale in 2 mm dünne Scheiben schneiden. (2) Ein Backpapier auf ein Backblech legen und mit reichlich Olivenöl einpinseln. Die Erdäpfelscheiben nebeneinander auf das Backpapier legen und mit Olivenöl einstreichen. (3) Die Erdäpfel bei 200 °C im vorgeheizten Backofen in ca. 12–15 Minuten zu goldgelben Rohscheiben braten. (4) Noch heiß mit Salz bestreuen und frisch genießen.

Im Airfryer dauert es nach meinen Erfahrungen wesentlich länger. Sollen sie besonders knusprig werden, empfiehlt es sich, die geschälten Scheiben vorher zu wässern - zwanzig bis dreißig Minuten und dazwischen das Wasser wechseln; dadurch wird die Stärke entzogen. Danach gut abtrocknen und mit Olivenöl bestreichen. Sie brauchen bei 180 bis 200 Grad 20 bis 25 Minuten.


Bleibt noch die Frage, warum dieses Fast Food in Wien die Bezeichnung Rohscheiben erhalten hat. Wir essen sie ja nicht, wie bei einer Rohkost üblich, ungekocht. Vielleicht heißen sie deshalb so, weil sie nicht in Wasser vorgekocht, sondern roh ins Fett kommen.


Wenn ich de Scheiben in Wasser kurz vorkoche, was ich manchmal mache, und sie dann im Airfryer gare, habe ich streng genommen keine Rohscheiben. Das Ergebnis ist aber durchaus zufriedenstellend.


Kleine Nachbemerkung: Auf jeder Flasche Budweiser konnte man früher lesen, dass dieses Bier von Kolarik & Buben importiert wurde. Gemeint waren nicht Kolariks Söhne, sondern ein früherer Partner: Buben ist auch ein tschechischer Familienname. Das Wort bedeutet so viel wie "Trommel" oder "Trommler".

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Der Beitrag erschien erstmals am 14. Mai 1925 in diesem Blog, er wurde überarbeitet und ergänzt. Empfelhlenswert ist das Buch Das Schweizerhaus: Geschichte einer Wiener Institution von Herbert Lackner, Ueberreuter-Verlag, Wien 2020.

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