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Warum das neue GENAU! so stark polarisiert

Autorenbild: Robert Sedlaczek
Robert Sedlaczek
vor 13 Stunden
3 Min. Lesezeit

Ein Modewort macht die Runde: Das gute, alte Adverb und Adjektiv genau wird von jungen Menschen immer öfter als Diskursmarker verwendet.


Diskursmarker sind Wörter, die keine eigentliche semantische Bedeutung haben, aber das Gespräch steuern. Ein derartiges Wort unseres Sprachraumes ist gell oder , es steht am Ende eines Satzes und kann als ein Heischen um Zustimmung interpretiert werden. "Bist du eh meiner Meinung?" Der Schweizer beendet eine Satz oft mit der Frage Od'r? Im gesamten deutschen Sprachraum wird nicht, net und net wahr gebraucht. 


Thomas Bernhard, der größte österreichische Schriftsteller, der nicht den Nobelpreis bekommen hat, verwendete im Gespräch den Diskursmarker nicht so häufig, dass man beinahe glauben konnte, es sei sein Lieblingswort. Ich höre mir gerne und zum wiederholten Male seine Gespräche mit Krista Fleischmann auf Youtube an. Es ist seine sprachliche Eigenart, eine kurze Pause zu machen, ein bestimmendes Nicht! zu sagen und verschmitzt zu lächeln.


Dabei wird eine wichtige Funktion dieser kleinen Wörter deutlich. Der Sprecher sammelt sich, überbrückt die Zeit bis zum nächsten Satz mit einem Wort, das eigentlich nichts bedeutet, ähnlich wie äh und ähm.


Früher kümmerten sich die Germanisten und Grammatiker nur um die Sprache in Schriftform, nicht um das Gesprochene. Die kleinen, unscheinbaren Wörter qualifizierten sie als Füllsel ab.


In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die gesprochene Sprache stärker beachtet, womit die Diskursmarker zu einem begehrten Forschungsobjekt avancierten. Mittlerweile existiere tausende Stunden digitaler- Ton- und Videoaufnahmen, um dem Geheimnis der Füllwörter auf de Spur zu kommen. Seit den 1980er Jahren ist das Wort genau mit seiner neuen Funktion im Kommen.


(c) Rheinische Post, Martin Ferl, istock.
(c) Rheinische Post, Martin Ferl, istock.

Der Freiburger Sprachwissenschaftler Peter Auer hat vor einigen Jahren untersucht, wie Studenten das Wort in ihren Powerpoint-Präsentationen einsetzen. Das Ergebnis: In den kurzen Verschnaufpausen zwischen zwei Präsentationsfolien müssen die Vortragenden ihre Gedanken neu ordnen und sich darauf besinnen, welche Inhalte als nächstes kommen. Mit einem Genau! verschaffen sie sich Luft.


Die Sprachwissenschaftlerin Michaela Kupietz von der Universität Halle weist auf eine weitere Funktion von genau hin: Eine Person spricht und führt einen Gedanken aus, ein andere Person will ihre Meinung äußern, und sie unterbricht mit einem Genau! - auch wenn sie mit dem zuvor Gesagten nicht hundertprozentig einverstanden ist. Der Diskursmarker steht in diesem Fall am Satzanfang und dient der Dialogübernahme.


Laut Kerstin Fischer, Professorin für Sprache und Technik-Interaktion an der Universität Süddänemark sind Diskursmarker keineswegs Zeitverschwendung oder Fehler im menschlichen Sprachsystem. Wenn die Dosis stimmt, meint Fischer, kommen eingestreute Füllwörter einer Rede sogar zugute. Zusammen mit ihrem Kollegen Oliver Niebuhr konnte sie diese ideale Anzahl an Diskursmarker auf zwei bis drei pro Minute beziffern.


Für Niebuhr bringen die Diskursmarker Würze in eine Rede. "Sie charakterisieren den Sprecher in einer bestimmten Weise, als bodenständig, als authentisch, auch als ausstrahlungsstark, als spontan, sozusagen als einer von uns."


Genau genommen ist also genau ein Jugendwort, und Jugendliche verwenden es oft so inflationär, dass es schwer zu ertragen ist. Ältere Menschen stehen sprachlichen Neuerungen oft kritisch gegenüber. Mir ging es auch so. Ich dachte: Warum gibt sich jemand selber recht, wenn er seine Worte mit genau kommentiert? Bis ich begriffen habe, was das Wort leistet. Über ein Gell ärgere ich mich ja auch nicht.


Das Wort genau ist gekommen, um zu bleiben, schrieb die "Rheinische Post" am 13. November 2025 in einem lesenswerten Artikel. So wird es wohl sein.


Quellen: Rheinische Post vom 13. November 2025: Genau ist ein Modewort, das gekommen ist, um zu bleiben; diesem Betrag ist die obige Grafik entnommen; MDR-Podcast vom 21. 1. 2026: Kleines Wort mit großer Karriere; SWR-2-Podcast: Äh, ähme, genau: Wozu gibt es Füllwörter?

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