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Die ominöse "Trumpkarte" - aber wie kam die "Arschkarte" ins Fußballspiel?

  • Autorenbild: Robert Sedlaczek
    Robert Sedlaczek
  • vor 3 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Die Häme ist groß. Donald Trump hatte Giovanni Infantino gebeten, die rote Karte für einen US-amerikanischen Spieler "zu überprüfen", wie er sagte. Daraufhin hat die folgsame FIFA die bereits verhängte Sperre auf Bewährung ausgesetzt. Der Stürmer durfte auflaufen, aber seine Mannschaft verlor trotzdem gegen Belgien 1:4.


In den sozialen Netzwerken kursierten am Tag danach jede Menge KI-generierte Memes, also gestellte Filmchen oder Fotos mit satirischen Kommentaren. Auf einem Meme sieht man, wie der Schiedsrichter einem Spieler die rote Karte zeigt. Doch dieser ruft ihm keck zu: "No, Brother! I have the Trump-Card!" Ein Wortspiel, englisch trump bedeutet "Trumpf/Atout".


Ein anderes Meme zeigt Donald Trump telefonierend: "Vier Tore? Ich habe nicht vier Tore gesehen. Für mich war es ein Unentschieden. Oder ein Sieg. Gianni, kannst du etwas machen, dass wir diese vier Tore loswerden? Ehrlich gesagt, ich glaube, die haben nicht einmal eine Armee."


(c) Mohamed Hassan (pixabay)
(c) Mohamed Hassan (pixabay)

In der Fußballersprache heißt es: Der Schiedsrichter zieht die rote Karte und der Schiedsrichter zeigt dem Spieler die rote Karte. Im allgemeinen Sprachraum bedeutet die Arschkarte ziehen soviel wie "ungerecht behandelt werden; viel schlechter gestellt sein als andere; einen Nachteil hinnehmen müssen".


Erster Ansatz: Gelb und Rot im Schwarz-Weiß-Fernsehen


Rund um die Entstehungsgeschichte des Ausdrucks gibt es eine weit verbreitete Legende. Weil im Schwarz-Weiß-Fernsehen die rote Karte von der gelben nicht zu unterscheiden gewesen wäre, seien die Referees angehalten worden, die gelbe Karte in die Brusttasche und die rote in die Gesäßtasche zu stecken. Dadurch sei in den 1970er Jahren, nach Einführung der roten Karte, der Ausdruck aufgekommen. 


Das ist aus dreierlei Gründen falsch. 


Erstens war Rot und Gelb im SW-Fernsehen sehr wohl zu unterscheiden. Auf Wiktionary gibt es dazu sogar ein Foto als Beweis: Gelb ist ein helles Grau, Rot wird zu Schwarz.


Die obere Hälfte in SW, dennoch ist die Unterscheidung möglich.
Die obere Hälfte in SW, dennoch ist die Unterscheidung möglich.

Zweitens haben die Schiedsrichter zur Zeit des SW-Fernsehens und danach keine Anweisung bekommen, die rote Karte in der Gesäßtasche aufzubewahren.


Ich befragte dazu Heinz Fahnler, als er Chefredakteur der "Wiener Zeitung" war. Fahnler, ein international anerkannter Schiedsrichter, leitete unter anderem Spiele bei der UEFA-Europameisterschaft 1984 in Frankreich. Weil er sehr viele rote Karten austeilte, bekam er den Spitznamen "der rote Heinzi". Er starb 2008 im Vorfeld des Champions-League-Spiels Real Madrid gegen Bate Borisow, für das er als UEFA-Delegierter eingeteilt war. Er war aus meiner Sicht ein äußerst glaubwürdiger Informant.


"Ist der Ausdruck Arschkarte deshalb entstanden, weil die Schiedsrichter angewiesen wurden, die rote Karte in der Gesäßtasche zu tragen?"


"Nein. Sicher nicht. Es gab keinerlei Anweisung. Jeder macht es, wie er will. Natürlich ist es vernünftig, die zwei Karten getrennt aufzubewahren, damit du sie nicht verwechselst."


Außerdem: Hätte es eine entsprechende Anweisung der zuständigen UEFA-Gremien gegeben, dass die rote Karte aus der Gesäßtasche zu ziehen ist, wären analoge Ausdrücke zu Arschkarte auch in anderen Sprachen zu erwarten. Aber es scheint nur eine einzige vergleichbare Wortbildung zu geben, und zwar im Niederländischen: schijtkaart, also "Scheißkarte". Der Ausdruck ist wohl in Analogie zur deutschen Arschkarte entstanden.


Der dritte Grund ist grammatikalischer Natur. Die ursprüngliche Redewendung lautet: die Arschkarte ziehen. Das macht am Spielfeld der Schiedsrichter. Wie kann ein Kicker die rote Karte ziehen? Erst später dürfte die Arschkarte haben entstanden sein.


Eine SW-basierte Herkunft kann man daher ausschließen. Möglich wäre allerdings, dass immer mehr Schiedsrichter die gelbe Karte in der Brusttasche verstauten, weil sie dort leichter zu erreichen ist, und dass daher die rote Karte, die seltener vergeben wird, meist in die Gesäßtasche kam. Dann wäre die rote Karte automatisch zur Arschkarte geworden. Das ist meine persönliche Theorie, die ich aber auch nicht belegen kann.


Zweiter Ansatz: Die Arschkarte im Kartenspiel


Eine andere Herleitung vertritt Elmar Seebold im "Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache". Die Wendung entstamme dem Kartenspiel, weil der Betroffene die Karte selbst zieht - anders als der Fußballer, wo der Schiedsrichter die Karte zieht. In Frage kommt das Spiel Schwarzer Peter. Wer von seinem Nachbarn die gleichnamige Karte zieht und nicht mehr loswird, hat verloren. Ihm wurde früher mit einem angebrannten Kork ein Strich ins Gesicht gemalt.


Die Wendung jemandem den Schwarzen Peter zuschieben bedeutet "Unannehmlichkeiten, ein unliebsames Problem, eine Schuld oder die Verantwortung auf eine andere Person abwälzen".

Vielleicht ist die Redewendung die Arschkarte ziehen aus Schwarzer Peter entstanden, ein einfaches Kartenspiel, das oft Eltern mit ihren Kindern spielten. Demnach hätten wir es mit einer deftigeren Erwachsenen-Variante aus einem Spruch des Kinderspiels zu tun.


Eine andere Bedeutung des Wortes Arschkarte


Den Ausdruck Arschkarte gibt es im Jargon der Kartenspieler sehr wohl, aber mit einer anderen Bedeutung: Gemeint ist eine Karte, die versehentlich "mit der Hinterseite nach oben" auf dem Spieltisch zu liegen kommt, durch ein Versehen beim Ausspielen; es ist also nicht zu erkennen, um welche Karte es sich handelt, bis sie umgedreht wird. Für diesen Ausdruck gibt es einen Beleg im Tirolischen: Arschlingkarte.


In manchen Wiener Kartenrunden wird der lästige Vorfall mit zweideutigen Bemerkungen kommentiert: Wie schaut die von vorne aus? (war von Lore Krainer oft zu hören) oder Am Arsch erkenn' ich kein Gesicht! Wer sich nicht so deftig ausdrücken will, ersetzt Arsch durch Gesäß - das hat Friedrich Torberg in seiner Anekdotensammlung "Die Tante Jolesch" getan.


Diese Arschkarte hat eine nachvollziehbare Etymologie; aber es ist, wie man so sagt, eine andere Geschichte.

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