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"I wer' narrisch!" und "Bist du deppert!" - zwei ORF-Kommentatoren als Teil der Fußballgeschichte

  • Autorenbild: Robert Sedlaczek
    Robert Sedlaczek
  • vor 3 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Was sagt man, wenn Unglaubliches am Fußballfeld passiert? Wie werden Emotionen mit einer volkstümlichen Phrase ausgedrückt? 


Edi Finger ist 1978 im argentinischen Córdoba durch Österreichs 3:2-Sieg über Deutschland berühmt geworden, jetzt hatte Daniel Warmuth die gleiche Chance, und er hat sie wahrgenommen. Er kommentierte das 3:3 gegen Algerien, den Ausgleich in buchstäblich letzter Sekunde, ebenfalls mit einem typischen Satz aus der Alltagskommunikation.


Dazwischen liegt grob gesprochen ein halbes Jahrhundert. Interessant, wie sich auch die Art des Kommentierens verändert hat!


Was Edi Finger damals in der ORF-Radio-Übertragung des WM-Spiels gesagt hat, kann heute noch auf Youtube nachgehört werden. 


Da kommt Krankl in den Strafraum – Schuss … Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor! I wer’ narrisch! Krankl schießt ein – 3:2 für Österreich! Meine Damen und Herren, wir fallen uns um den Hals; der Kollege Riepl, der Diplom-Ingenieur Posch – wir busseln uns ab. 3:2 für Österreich durch ein großartiges Tor unseres Krankl. 


Es war "unser" Hans Krankl, und die direkte Anrede des Publikums mit "meine Damen und Herren" war damals in Radio-Reportagen offensichtlich zeitgemäß. Er verwendete sie gleich noch einmal:


Er hat olles überspielt, meine Damen und Herren. Und warten S' noch ein bisserl, warten S' no a bisserl; dann können wir uns vielleicht ein Vierterl genehmigen. (…) Jetzt hammas gschlagn! 


Edi Finger macht sich in seiner Erregung keine Gedanken, ob die Menschen vor den TV-Geräten wissen, wer "der Kollege Riepl und der Diplom-Ingenieur Posch" sind. Alle umarmen sich und busseln sich ab. Was dann folgt, klingt wie eine bezahlte Einschaltung der österreichischen Weinwerbung. "Genehmigen wir uns ein Vierterl!"


Der Kernsatz I wer' narrisch ist eine österreichische Alternative zu "ich werde verrückt". Das "a" ist im Gegensatz zur Hochsprache - und auch zur Schreibung - ein Langvokal: Edi Finger sagt "naarisch".


Schon seit einiger Zeit ist dieses T-Shirt auf etsy.com und ähnlichen Plattformen erhältlich.
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So wie Edi Finger ist Daniel Warmuth in Klagenfurt geboren. Er ist bisher vor allem bei Eishockey-Übertragungen zum Einsatz gekommen. Dass er das Spiel in Kansas City kommentieren durfte, war für viele eine Überraschung.


Der ORF hat inzwischen einen Mitschnitt der Kommentator-Kamera ins Netz gestellt. Wir können ihn also nachträglich nicht nur hören, sondern auch sehen. Österreich war durch ein Tor der Algerier in der Nachspielzeit gedanklich schon auf dem Heimweg.  


Warmuth ist nicht ganz so emotional und nicht unangenehm patriotisch. Er sagt nicht "unser Kalajdžić", aber bei der ersten Erwähnung des Namens schnappt seine Stimme über.

 

Sabitzer. Noch geht was. Noch könnte was gehen. Gregoritsch, und Toor, Toor! Kalajdžiijiić! Kalajdžić! Drei - drei! 


Er springt auf, streckt die Hände in einer Siegerpose in die Höhe. Dann scheint er zu überlegen, mit welchem Satz er seine Emotionen zum Ausdruck bringen soll. Kontrolliert schreit er drei Worte in das Mikrofon:

 

Bist - du - deppat! 


Ein gut gewählter Ausdruck der Begeisterung - es ist keine Frage, sondern eine Feststellung: "Bist du verrückt!" 


Sascha Kalajdžić schießt die Österreicher wieder ins Glück. Was für ein Wechselbad der Gefühle!


Er schaut auf den Monitor. Offensichtlich hat auch er übersehen, dass Kalajdžić gerade aufs Spielfeld gekommen ist. Die Einwechslung wurde im Fernsehen nicht gezeigt. Er kommentiert die Wiederholung der Tor-Szene:


Der ist kurz zuvor ins Spiel gekommen. Das war wahrscheinlich die letzte Aktion der Partie. Sabitzer bringt den Ball zur Mitte, Gergoritsch zurück, und dann steht Kalajdžić richtig! Dieser Fuchs! Er köpft ein! 


Greift sich mit beiden Händen an den Kopf.


Ein unglaublich verrücktes Spiel! Absoluter Wahnsinn! Ich habe so etwas noch nicht erlebt, und Sie bestimmt auch nicht. Es ist erledigt, es ist vorbei. (...) Rangnick schüttelt den Kopf, wir schütteln den Kopf. Niemand kann es fassen, was sich da in den Schlussminuten abgespielt hat.


Auch Warmuth schildert die Jubelszenen der Österreicher, und auch er nimmt sein Publikum mit: "Sie werden so etwas noch nicht erlebt haben."


Die "österreichische Seele" und die "Schmach von Córdoba" - aus deutscher Perspektive


Córdoba war aus sportlicher Sicht für Österreich unbedeutend. Der "österreichischen Seele", ein Begriff des Psychiaters und Publizisten Erwin Ringel, ging es nicht darum, dass wir gewinnen, sondern nur darum, dass "die Deutschen" verlieren. "Jetzt hammas gschlagn!" Edi Finger brachte es auf den Punkt.


Ausgeschieden sind damals, am 21. Juni 1978, beide Mannschaften. Am 28. Juni 2026 sind durch ein Unentschieden beide weitergekommen. Sascha Kalajdžić, der sich nach mehreren schweren Verletzungen zurückgekämpft hatte, erwarb sich als Joker mit einem Kopfball das Attribut "Held von Kansas City".


Es wäre schön, wenn Córdoba vom lang gelebten Mythos zur lächerlichen Fußnote wird und aus dem kollektiven Gedächtnis Österreichs verschwindet. Zugunsten von Kansas City. Endlich haben wir was Neues, was Besseres.


 
 
 

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