top of page

Falsche Karl-Kraus-Zitate, aber trotzdem reizvoll - meine persönliche Bestenliste

Autorenbild: Robert Sedlaczek
Robert Sedlaczek
14. Okt.
6 Min. Lesezeit

Karl Kraus ist bekannt für spitzfindige Aussagen, für Bonmots, mit denen sich Redner und Schreiber gerne schmücken. "Schon Karl Kraus hat gesagt ..." Aber in vielen Fällen stimmt das gar nicht, vieles, was landauf, landab zitiert wird, ist gar nicht von dem großen Schriftsteller, die Zitate werden ihm nur ins Nest gelegt, es sind Kuckuckszitate. In einigen anderen Fällen wurden Zitate von Karl Kraus verunstaltet. Wie hätte der Satiriker darauf reagiert?


Karl Kraus (1874-1936); Wikipedia Commons, anonym
Karl Kraus (1874-1936); Wikipedia Commons, anonym

Ich referiere in diesem Beitrag die Forschungsergebnisse des im August 2025 verstorbenen Karl-Kraus-Experten Gerald Krieghofer. Sein grandioser Blog über falsche Zitate, mit Belegen und Links, ist im Internet abrufbar, wird aber nicht mehr ergänzt. Mit Krieghofers Tod wurde leider ein Schlussstrich gezogen. Ich fühle mich geehrt, dass er in einigen Fällen aus meinen Beiträgen in der "Wiener Zeitung" zitiert hat. 


Ich finde, wenn man Zitate verwendet, sollten sie korrekt wiedergegeben werden, selbst kleine Änderungen entwerten den dahinterliegenden Gedanken, und einen falschen Urheber zu nennen, ist peinlich.


Aber auch falsche oder entstellte Kraus-Zitate können reizvoll sein. Hier eine subjektive Auswahl, das ist meine Top Ten:


Hätten die Salzburger von heute Salzburg erbaut, so wäre bestenfalls Linz daraus geworden.


In den Schriften von Karl Kraus, die allesamt EDV-mäßig erfasst sind, kommt dieser Satz nicht vor. Erstmals Karl Kraus unterschoben wurde dieses Zitat anscheinend 1978 von dem Autor, Filmemacher und Anekdotenerzähler Gregor von Rezzori. Seitdem wird dieses Pseudo-Karl-Kraus-Zitat von Journalisten, Politikern und Salzburgfestrednern gern zitiert.


Es gibt Dinge, die so falsch sind, dass nicht einmal das Gegenteil wahr ist.


Die Wendung war in Österreich schon vor dem Ersten Weltkrieg in politischen Debatten verbreitet. Friedrich Torberg hat sie in der Formulierung des ungarischen Schriftstellers Ferenc Molnár über einen problematischen Journalisten weiter erzählt und später auch variiert. Auch in einem Essay Kurt Tucholskys taucht 1927 die Wendung auf: Ein Minister habe "so schlecht gelogen, dass nicht einmal das Gegenteil von dem wahr war, was er sagte." Im Jahr 1920 schreibt Karl Kraus von Notlügen, "von denen nicht einmal das Gegenteil wahr ist", aber die ihm zugeschriebene Verallgemeinerung, "Es gibt Dinge, die so falsch sind, dass nicht einmal das Gegenteil wahr ist", stammt nicht von Karl Kraus, sondern wurde ihm 1976 von Henryk M. Broder unterschoben


In der großen Politik geht es genau so zu, wie es sich der kleine Moritz vorstellt.


Dieser Aphorismus wird heutzutage viel öfter Karl Kraus zugeschrieben als Anton Kuh, obwohl er von Anton Kuh in "VITA oder DER MENSCH" im Jahr 1921 geprägt wurde und in den Schriften von Karl Kraus gar nicht vorkommt. Auch Kurt Tucholsky wird das Zitat unterschoben, vielleicht, weil er es 1931 in der "Weltbühne" zitiert; allerdings nennt er korrekterweise Anton Kuh als Autor.


Österreich ist das einzige Land, das aus Erfahrung dümmer wird.


Karl Kraus hat das nie so gesagt. Allerdings steht in der "Fackel", Heft 890-905 vom Juli 1934: "Es scheint der Menschennatur verhängt zu sein, durch Erfahrung dümmer und erst durch deren Wiederholung klüger zu werden, und besonders die Intelligenz muss viel mitmachen, bevor sie zu der Einsicht gelangt, dass eine Freiheit, die ihre Vernichtung herbeiführen würde, nur durch Hemmung zu retten ist."


In "Die Fackel", 1920, Heft 554-556, findet sich ein ähnlicher Gedanke: "Ich habe mich mein Lebtag geschämt, ein Österreicher zu sein, und nie mich dieser Scham geschämt, wissend, dass sie der bessere Patriotismus sei. Ist es nicht die hoffnungsloseste und toteste aller Gewissheiten, unter einer Nation zu leben, die durch Schaden dümmer wird?"


Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten.


Der Satz von den schattenwerfenden Zwergen wird seit Jahrzehnten fälschlich Karl Kraus zugeschrieben und stammt so ähnlich von Robert Scheu, einem ehemaligen Mitarbeiter von Karl Kraus: "Wie tief ist die Sonne unseres Zeitalters gesunken, wenn solche Pygmäen solche Schatten werfen!" (1926). Der Aphorismus könnte aber auch aus einem Schweizer Sprichwort ("Ein kleiner Mann macht oft einen großen Schatten"), einer Zeile von Friedrich Rückert ("lange Schatten warfen Zwerge") und nach einem Aphorismus von Alfred Polgar ("In Todes Nähe werfen auch ... dürftige Menschen ... imponierend breite Schatten") entstanden sein.


Wien bleibt Wien, das ist die fürchterlichste aller Drohungen.


Obwohl der "Spiegel", mit seinem viel gelobten Archiv, und viele andere Medien diesen Aphorismus Karl Kraus zuschreiben, ist er nicht von ihm. Alfred Polgar sagte angeblich zu Friedrich Torberg: "Ich muss über die Stadt ein vernichtendes Urteil abgeben: Wien bleibt Wien."


Ich muss nicht ein Huhn sein, um zu wissen, wann ein Ei faul ist.


Auch dieser Lieblingsspruch vieler Kritiker wird Karl Kraus unterschoben und ist in seinen Texten weder so noch ähnlich zu finden, auch wenn zum Beispiel Henryk M. Broder 2018 das Gegenteil behauptet: "Es gibt ein wunderbares Wort von Karl Kraus, den ich als meinen Gott verehre, wahrscheinlich den einzigen, den ich anbete, er hat mal gesagt: 'Ich bin kein Huhn, aber ich weiß, wann ein Ei faul ist.'" Die erste falsche Zuschreibung einer Variante dieses Spruchs an Karl Kraus stammt aus dem Jahr 1992, also mehr als 50 Jahre nach seinem Tod: "Er hielt sich an die Beobachtung von Karl Kraus, dass man ein Ei nicht ganz essen müsse, um feststellen zu müssen, ob es faul sei." Diese Version des Spruchs ist so oder ähnlich seit dem Jahr 1907 nachzuweisen, aber in keinem Text von Karl Kraus zu finden.


Jahrzehntelang wurden Varianten dieses Bonmots ohne Namensnennung des wahrscheinlich anonymen Urhebers verbreitet, bis es im Jahr 1970 erstmals dem in seiner Zeit gefeierten Kritiker Alfred Kerr und zwanzig Jahre danach erstmals dessen Gegner Karl Kraus zugeschrieben wurde. Seriöse Quellen für diese Zuschreibungen an Kerr oder Kraus werden in den digitalisierten Texten nicht angegeben.


Was trifft, trifft auch zu.


In den Werken von Karl Kraus ist dieser Aphorismus weder so noch so ähnlich zu finden. Es handelt sich um eine verkürzte und entstellte Version von "Was nicht trifft, trifft auch nicht zu" - einem Aphorismus, den der österreichisch-israelische Schriftsteller Elazar Benyoëtz 1977 in seinem Buch "Worthaltung: Sätze und Gegensätze" publiziert hat.


Der Satz wird seit 1978 Karl Kraus unterschoben und seit 2007 in der Version "Was trifft, trifft auch zu" verbreitet, sogar auf T-Shirts. In der verkürzten Version hat dieser Aphorismus die Bedeutung, "alles was kränkt, ist wahr", was unsinnig ist. Es gibt zweifelsohne schmerzliche Wahrheiten, aber Beleidigungen kränken oft, weil sie unwahre, herabsetzende Aussagen enthalten.


Die Gedankenfreiheit haben wir. Jetzt brauchen wir nur noch die Gedanken.


Dieses Zitat wird Karl Kraus über 60 Jahre nach seinem Tod erstmals zugeschrieben und ist in seinen digitalisierten Schriften und in seriösen Nachschlagwerken weder so noch ähnlich zu finden. Eine Version des Witzes stand schon in einer Wiener Zeitschrift aus dem Jahr 1848. "Es herrscht unbeschränkte Gedankenfreiheit, nur, dass die Gedanken fehlen und daher auch die Freiheit nicht zu gebrauchen ist."


Der Österreicher unterscheidet sich von den Deutschen durch die gemeinsame Sprache. 


Das Zitat existiert in verschiedenen Varianten. Mit der falschen Zuschreibung hat anscheinend 1969 der Literaturwissenschaftler Ernst Alker in der dritten Auflage seiner fast tausendseitigen deutschen Literaturgeschichte begonnen. Sie ging also von Literaturwissenschaftlern aus, nicht wie so oft von literarischen Laien, und wurde ab den 1980er Jahren von Autoren, Historikern und Journalisten weiter verbreitet.


Im Jahr 2011 fand ich durch Zufall heraus, dass Karl Farkas durch einen ähnlichen Satz denselben Gedanken formulierte und durch wiederholte Verwendung in seinen Kabarettprogrammen ab 1957 popularisiert hat: "Aber wir Österreicher unterscheiden uns doch von den Deutschen durch so mancherlei, besonders durch die gleiche Sprache." (Wiener Zeitung vom 22. Juli 2011)


Im englischen Sprachraum wird seit 1942 ein ähnliches Bonmot dem irischen Dramatiker Bernard Shaw zugeschrieben: "Britain and America Are Two Nations Divided by a Common Language". Aber auch in George Bernard Shaws Schriften hat dieses Bonmot, das wahrscheinlich auch Karl Farkas gekannt hat - er war in den USA in der Emigration - noch niemand entdecken können.


Dieses angebliche Bernard-Shaw-Zitat könnte von einem Satz aus Oscar Wildes Erzählung “The Canterville Ghost” angeregt worden sein: "Indeed, in many respects, she was quite English, and was an excellent example of the fact that we have really everything in common with America nowadays, except, of course, language." In der Übersetzung von Franz Blei: "So war sie wirklich in vieler Hinsicht völlig englisch und ein vorzügliches Beispiel für die Tatsache, dass wir heutzutage alles mit Amerika gemein haben, ausgenommen natürlich die Sprache."

-----------

Lesetipp: Gerald Krieghofer: Die besten falschesten Zitate aller Zeiten, Molden Verlag, Wien 2023.


 
 
 

1 Kommentar


KnightMove
14. Okt.

Tausend Dank für diese Klarstellungen! Besonders wichtig ist sie beim aus genannten Gründen unsinnigen Zitat "Was trifft, trifft auch zu." Das war ein Grund für mich, eine - solcherart ungerechtfertigte - Abneigung gegen Kraus zu entwickeln.

Gefällt mir
bottom of page