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„Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm“ – von wem stammt diese Wendung?

  • Autorenbild: Robert Sedlaczek
    Robert Sedlaczek
  • 20. Aug.
  • 2 Min. Lesezeit

Natürlich von Bertolt Brecht, werden viele sagen, es handelt sich um ein Zitat aus der Dreigroschenoper: Die Ballade vom angenehmen Leben.


Das ist nicht falsch, aber es stimmt auch nicht ganz.


Ausgangspunkt ist ein Satz aus einer Ballade von Villon: Lors je congneus que, pour deuil appaisier, / il n’est tresor que de vivre a son aise. Eine wörtliche Übersetzung könnte lauten: Da sah ich, dass es, um die Trauer zu besänftigen / keinen anderen Schatz gibt, als ein bequemes Leben zu führen.


Die erste, nahezu komplette Übertragung der Werke Villons stammt von einem Österreicher: Karl Klammer. Er entfernte sich in diesem Fall recht weit vom Original, traf aber den Sinn: Da löst sich für mich das Glücksproblem: / Nur wer im Wohlstand schwelgt, lebt angenehm.


Brecht war von Klammers Nachdichtungen so begeistert, dass er ganze Passagen in die Songs der Dreigroschenoper aufnahm – ohne den Übersetzer zu nennen. Der daraufhin aufbrandende Plagiatsstreit schlug hohe Wellen.


Manche Verszeilen übernahm Brecht eins zu eins, andere adaptierte und verbesserte er. In der besagten Verszeile der Ballade vom angenehmen Leben veränderte Brecht nur ein Wort, aber dadurch wurde der Satz schlagend und konnte in den deutschen Zitatenschatz eingehen: Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.


Klammer war offensichtlich darauf bedacht, eine Wortwiederholung zu vermeiden, Brecht verwendete eine Wortwiederholung als Stilmittel.


Was kaum jemand weiß: Die Zeilen Villons haben einen zeitgenössischen Hintergrund, der sich heute nicht einmal mehr erahnen lässt. Sie richteten sich gegen ein Gedicht des Bischofs von Meaux, Philippe de Vitry. In diesem wird das Leben auf dem Lande, das Leben in Armut und in völliger Besitzlosigkeit gepriesen. Ist das nun wirklich ein Glück? Oder doch eher ein Unglück? Hierauf folgt die Ballade.


Ursprünglich war der Satz also eine Kritik an der Verherrlichung von Besitzlosigkeit. Heute unterstreicht man mit dem Satz, oft ironisch, den Tatbestand, dass viele Annehmlichkeiten des Lebens nur für den erreichbar sind, der über genügend Geld verfügt.


Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage lautet also: Die Wendung geht auf Villon zurück, sie ist über Vermittlung Klammers durch Brecht popularisiert worden.

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Einladung zur Buchpräsentation


Karl Klammer und der Plagiatsstreit mit Bertolt Brecht um die Dreigroschenoper.

Wie ein k.u.k. Dragoneroffizier unversehens in eine Literaturdebatte geriet.

Eine Recherche von Robert Sedlaczek


Bezirksmuseum Döbling, 19., Döblinger Hauptstraße 96.

Mittwoch, 17. September, 18.30, Eintritt frei.

 
 
 

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