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Warum wir eine kleine Geldmenge als Netsch bezeichnen

Aktualisiert: 6. Feb.


Nein, das Wort stammt nicht aus dem Ungarischen, wie man in der Fachliteratur lesen kann, sogar im "Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich", herausgegeben von der Akademie der Wissenschaften, steht es so. Wobei ich zugeben muss: Eine derartige Ableitung ist wegen des ungefähren Gleichklangs mit ungarisch negy (= vier; gespr. nädsch) durchaus verlockend. Daher die (leider falsche) Annahme, dass ursprünglich eine Vier-Kreuzer-Münze gemeint war.


Mir kam das komisch vor. Die ungarische Bezeichnung für eine Münze soll zu einem neuen umgangssprachlichen Ausdruck in Wien geführt haben? Und gibt es irgendeinen Beleg für diese krause Theorie?


Eine Publikation der Österreichischen Nationalbank über die Geschichte des Geldwesens brachte mich auf die richtige Fährte. Der Ausdruck bezog sich ursprünglich auf eine Münze, die diskreditiert war, und er stammt nicht aus Ungarn, sondern aus Tirol.


"Ende des 12. und 13. Jahrhunderts begannen viele der wirtschaftlich potenten oberitalienischen Städte mit der Prägung von Grossi zu 8 bis 12 Pfennigen. Durch die engen Handelsbeziehungen zum italienischen Raum kam diese Idee auch nach Tirol. Ab 1259 ließ Graf Meinhard II. von Görz-Tirol in Meran die ersten Mehrpfennigmünzen im Heiligen Römischen Reich schlagen. Diese Adlergroschen entsprachen ursprünglich einem Gegenwert von 20 Bernern (Veroneser Denare)." (Verona wurde im Mittelalter im Deutschen als Bern oder Welsch Bern bezeichnet. Diese Information rund um die Geschichte dieser Münze, verdanke ich meinem Freund Helmut Opletal – der langjährige China-Korrespondent des ORF und Sinologe ist auch ein leidenschaftlicher Numismatiker, was wohl nur wenige wissen.)


Als König Rudolf I. von Habsburg 1274 Meinhard II. offiziell das Münzrecht für Meran einräumte, zog dies die Prägung neuer Zwanziger nach sich. Aus geldpolitischen Gründen wurden die neuen Zwainziger mit einem höheren Feingehalt ausgebracht. Der Kurs der Adlergroschen sank damit um ein Zehntel auf 18 Berner. Zur Unterscheidung der beiden Münzsorten zeigt der neue, Kreuzer genannte Münztyp auf der Vorderseite zwei gegeneinander versetzte Kreuze und auf der Rückseite den Tiroler Adler: Der Etschkreuzer – als Netsch ein heute noch gängiger umgangssprachlicher Ausdruck für Geld – wurde zum Vorbild für zahlreiche italienische und deutsche Prägungen."


Da Verona an der Etsch liegt, lag der Gedanke recht nahe, "Münze von der Etsch" zu sagen – dann trat ein Phänomen auf, das in der Geschichte der Wörter keine Seltenheit ist: Aus "ein Etsch" wurde im Laufe der Zeit "ein Netsch", das "n" des unbestimmten Artikels wurde ins Substantiv hinübergenommen. Irgendwann ging dann das Verständnis für die Wortherkunft verloren.


Im "Schatz", dem legendären "Wörterbuch der Tiroler Mundarten", findet sich Netsch als Bezeichnung für eine sehr kleine Münze. Außerdem registriert Josef Schatz für das Tuxertal Netschn und Etschn mit der Bedeutung: etwas verkrüppelt Gewachsenes.


Das Wort ist offensichtlich über die Gaunersprache nach Wien gelangt. Als Bezeichnung für eine Münze findet es sich in zwei Handbüchern, in denen die Sprache der Straftäter dokumentiert wird; die Werke von Hans Gross (1908) und Wilhelm Polzer (1922) sollten dem Untersuchungsrichter und den Kriminalbeamten helfen, Verhöre zu führen.


Nicht zuletzt ist das Wort auch in einigen Wörterbüchern des Wienerischen dokumentiert, bei Eduard Maria Schranka (1905) mit der Verkleinerungsform Netscherl für eine Kleinigkeit, für Weniges, Geringfügiges, bei Julius Jakob (1929) für eine kleine Münze und für ganz wenig Geld (nur ein paar Netsch kriegen: nur ganz wenig bekommen/verdienen); bei Wolfgang Teuschl (1990) mit der Wendung "meine letzten Netsch" (= mein letztes Geld).


Als Mundl Sackbauern in der 21. Folge von "Ein echter Wiener" erfährt, dass er demnächst das Kündigungsschreiben bekommen wird, beklagt er sich in höchster Erregung darüber, wie mit ihm umgegangen wird. "Då kånnst no a poa Wochen barabern, dånn kriegst a poa Netsch und dånn kånnst di aufhängen! (…) Kånnst stempeln gehen! Stempeln!"

 

Quelle: Österr. Geldgeschichte, ÖNB, zweite Fassung, 2020, S. 24; abgerufen auf oenb.at am 16. 1. 2024; siehe auch Wolfgang Häuslers Beitrag in: Geld, 800 Jahre Münzstätte Wien, Ausstellungskatalog des KHM, Wien 1994, S. 17.

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