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Wir sagen Corner, ihr sagt Ecke, wir sagen Kapitänsschleife, ihr sagt Binde.

  • Autorenbild: Robert Sedlaczek
    Robert Sedlaczek
  • vor 5 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit

Die Fußballersprache Deutschlands ist anders gestrickt als die österreichische.


In Österreich heißt es Corner, Out, Hands etc., in Deutschland Ecke, Ball im Aus, Handspiel etc. Es wird also bei unserem großen Nachbarn viel stärker eingedeutscht, während wir das englische Original zumindest als Zweitausdruck beibehalten haben. Warum?


Der Grund ist in der Anfangsphase des Fußballsports zu suchen. Im Jahr 1903 veröffentlichte Konrad Koch, ein Lehrer aus Braunschweig, der sich um die Einführung des aus England importierten Sports verdient gemacht hatte, in der Zeitschrift des "Allgemeinen Deutschen Sprachvereins" eine Liste mit Eindeutschungen: Anstoß statt kick-off, Ecke statt corner, abseits statt off side, Strafstoß statt penalty-kick usw. 


In Deutschland ist diese Initiative äußerst wirksam gewesen, vermutlich ist sie in Österreich gar nicht wahrgenommen worden - in der Schweiz übrigens auch nicht. Außerdem wäre in der damaligen multikulturellen Habsburger-Monarchie ein von oben verordnetes Eindeutschen nicht gut angekommen.


Angesichts fehlender standardisierter Eindeutschungen konnte sich der Dialekt bei uns besonders stark entfalten - wobei sich Dialekt und englische Originalsprache gut vertragen: Cornerstangl, Outwachler etc.


Streng genommen müssen wir zwischen der fußballerischen Hochsprache und dem Jargon der Fans beziehungsweise der Kicker unterscheiden.


Österreichische Hochsprache ist Cornerfahne statt Eckfahne, übrigens auch Stange, in Deutschland nur Pfosten. Den Ausdruck Stanglpass gibt es nur bei uns, er ist so ausdrucksstark, dass ihn sogar Fachexperten im deutschen Sportfernsehen verwenden: "In Österreich nennt man diese Flanke zur Mitte Stanglpass."


Daneben blühen im Dialekt kreative Wortschöpfungen wie Leiberl und Wäsch', in Deutschland ein auf der ersten Silbe betontes Trikot.


Für den Fußball, das Spielgerät, gibt es im Wiener Dialekt plastische und teilweise recht kuriose Ausdrücke: Bemmal, Blunzn, Ei, Frucht, Haut, Lawal, Nudl, Schweinsbladern, Tuchat, Wuchtl und Wule. Einige davon sind wahrscheinlich schon ausgestorben - oder laufen Gefahr, vergessen zu werden.


An Tunnel und Beinschuss kann ich mich nicht gewöhnen: Bei uns heißt es: Er gibt ihm ein Gurkerl. Auch Bude für das Tor und für den erzielten Treffer klingt für mich seltsam. Besonders irritierend ist für mich der Ausdruck Binde: So nennt man in Deutschland die Kapitänsschleife.

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Zum Weiterlesen: Robert Sedlaczek: "Österreichisch fia Fuaßboifans. Ein heiteres Lexikon illustriert von Martin Czapka"; das Buch erschien bei Amalthea zur Fußball-EM 2016 und erzielte innerhalb von sechs Monaten drei Auflagen; es ist  heute als E-Book zum Preis von € 7,99 erhältlich.


 
 
 

3 Kommentare


Prof Stefan
vor 4 Tagen

Köstlich! Sehr gelungen, Herr Kollege. In der Fußball Sprache spiegelt sich also im Kleinen, was österreichische und deutsche Hochsprache (Standardsprache, damit mir die Kolleg:innen nicht gar Unwissen vorwerfen können) grundsätzlich unterscheidet. Michael Clyne (aus der Wiener Emigrantenfamilie Klein) machte in den frühen 80ern viel Bahö um die Lehnwörter und den Sprachkontakt im Österreichischen Deutsch und spielte damit den damals auch noch deutschnationalen Kollegen (meistens damals Männer) ein Gurkerl. Die das aber lange nicht bemerkten. Im Stanglpass mit Prof Muhr, Melbourne-Graz, sozusagen, ging dann viel weiter. Jetzt ist das alles, mit dem Axiom des Einheutsdeuten, ein aufgelegter Elfmeter im internationalen Wissenschaftsalbetrieb, wo die "Deutsch in Österreich"-Leute alt aussehen und noch nicht ganz d'accord sind. Aber es wird schon.

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Wallner Erich
vor 5 Tagen

Besonders gut gefällt mir der Unterschied zwischen unserem österreichischen "Fersler / Ferschler" und dem teutonischen "Hackentrick".

Besser kann man die Abgründe nicht illustrieren, die zwischen den beiden Nationen liegen.

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Gast
vor 5 Tagen

Ich erinnere mich an einen herrlichen, perfekt illustrierten Artikel über Wiener Kicker-Idiome wie "Eine Kerze fabrizieren" und " Eine Schwalbe hinlegen". War das noch im Neuen Österreich oder im Neuen Kurier?


73 de oe4hza

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